Grauzone – Eine Reise zwischen den Fronten im Donbass

Osteuropa Informationen, 1/2 - 2019



„Kommt das von euch, oder sind wir das?“ Der kurze Satz, der den ganzen Wahnsinn dieses Bruderkrieges beschreibt, stammt aus einem Telefonat zwischen Alexej und seiner Mutter Valentina. Alexej wohnt in Awdiiwka, seine Mutter im benachbarten Donezk in der Ostukraine. Früher waren beide Orte mit dem Auto in 20 Minuten zu erreichen, jetzt ist eine Reise von mehreren Stunden daraus geworden. Dazwischen verläuft die Front. Im Telefonat geht es um Gewehrfeuer. Irgendjemand schießt auf irgendwen. Irgendwo wird jemand sterben. Wie das alles anfing und was das alles soll, ist längst zweitrangig. „Konflikte laufen nach einiger Zeit wie von selbst. Einfacher, als sie zu beenden, ist weiterzukämpfen,“ schreibt die österreichische Journalistin Jutta Sommerbauer. Zusammen mit dem Fotografen Florian Rainer ist sie im Frühjahr 2017 in die „Grauzone“ entlang der 450 Kilometer langen Konfliktlinie in der Ukraine gefahren. Entstanden sind atmosphärisch dichte, reich bebilderte Reportagen über den Alltag der Menschen beiderseits der Front. Sommerbauer geht mit preisverdächtiger Behutsamkeit zu Werke: Sie beobachtet, lässt die Protagonisten sprechen, ordnet das Gesagte ein, ohne Schuld zuzuweisen und findet immer wieder auch ein kleines Leuchten in dunkler Nacht. Die Reporterin, seit November 2017 Korrespondentin für den Tagesspiegel und die Presse in Moskau, vermeidet in ihren Texten jede künstliche Dramatisierung, obwohl ihre Recherchen im Donbass in lebens-bedrohlicher Umgebung stattfinden. Für diese laute Welt und Zeit ein unglaublich leises, kluges, lesenswertes Buch.



Rezensiert von: Andreas Metz
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