Grauzone – Eine Reise zwischen den Fronten im Donbass

Die Springerin, 1/2019



Gott wird Frieden schafften. / Sie meinen den, der im Kreml sitzt?“ Der Dialog zwischen Militärkaplan Albert und Wasja findet in dem kleinen Dorf Wodjane an der Grenzlinie zwischen Ukraine und dem Separatistengebiet statt. Immer wieder sickern in Jutta Sommerbauers und Florian Rainers Fotoreportage Witz, Ironie und schwarzer Humor durch. Maxim, der Barkeeper im Black in der Kleinstadt Awdiiwka erklärt, warum die Musik im Lokal so laut sei: „Damit sie die Musik von draußen vergessen, […] das Artilleriekonzert.“ In Schastia, einer weiteren Stadt an der Demarkationslinie, heißen die Katzen und Hunde „Pulja, mina and bomba, Kugel, Mine und Bombe“. Dass Schastia auf Deutsch „Glück“ heißt, ist eine bizarre Ironie des Schicksals, denn vor dem Februar 2014, vor Beginn des Kriegs in den Verwaltungsbezirken Donezk und Lugansk, die zusammen den ostukrainischen Donbass bilden, ist die Stadt ihrem Namen großzügig gerecht geworden: Die Wärmekraftwerke haben hier für Arbeitsplätze und warme Wohnungen gesorgt.

Der Witz ist Teil der Überlebensstrategie in einer trostlosen Situation. Sommerbauer, Redakteurin der Tageszeitung Die Presse, und Rainer, Fotograf, haben im Frühling und Herbst 2017 an die 20 Dörfer und Städte entlang der Frontlinie besucht und den Menschen zugehört, die von dort nicht geflüchtet sind, sondern sich – oftmals aus Mangel an anderen Optionen – entschieden haben zu bleiben. Obwohl die Gefechtslinien teils quer durch Dörfer und Städte verläuft und das Leben der Menschen unglaublich kompliziert geworden ist, da sie von ihren Arbeitsplätzen abgeschnitten sind, weil ihre Kinder, um zur einzigen Schule zu gelangen, auf die andere Seite gehen müssen, und da ihre Verwandten nun auf der anderen Seite leben.

Hier, das ist die „Graue Zone“, wie es in der Kriegssprache heißt. Es ist eine Grauzone, in der die Menschen von diesem Krieg – inzwischen ein Stellungskrieg mit kleineren Schießereien – am heftigsten betroffen sind. Ihr Leben ist täglich unsicher, die Infrastruktur der Orte ist größtenteils zerstört, Ämter sind unbesetzt, Schulen gibt es kaum, der Großteil der Bevölkerung ist weggezogen, geflüchtet. Geblieben sind die Schwächsten – Alte wie Kinder, Jugendliche, Kranke oder der behinderte Junge namens Roma – und diejenigen, „die mutig und lebensmüde zugleich, einfach nicht weichen wollen“.

Schirokine, Besimenne, Marinka oder Makiiwka lauten die Namen der Städte, die – zumindest für orts- und sprachfremde Ohren – geradezu poetisch und fröhlich klingen. Eines Tages hat jemand den Menschen hier einen Strich durch ihre Lebensrechnung gemacht. Der Krieg hat sich ausgerechnet vor ihrer Haustür festgesetzt. Mitunter ist das über Nacht geschehen. Bei Klawdia und ihrem Mann standen eines Abends im Februar 2015 die Ukrainer mit einem Panzer im Hof. Nachdem sie ihre Kanonen abgeschossen hatten, halfen sie dem alten Ehepaar, die Fenster zu reparieren. Tage später werden die beiden von uniformierten Männern aus dem Schlaf gepoltert. „Wir sind eure Befreier, sagen sie. / Ist der Krieg schon vorbei?“ Der Krieg ist nicht vorbei, das Ehepaar befindet sich nur auf der anderen Seite der Frontlinie.

Die Absurdität des Kriegs spricht aus Texten und Bildern dieser Reportage. „Irgendjemandem nutzt dieser Krieg. Wem, bleibt ungesagt und oft der Imagination überlassen.“ Auch die AutorInnen verzichten auf eine Analyse der Kriegshintergründe oder einer Namhaftmachung der Kriegsgewinnler. Nur so viel wird klar: Als Betrogene fühlen sich die Menschen auf beiden Seiten. Die einen fühlen sich von der ukrainischen Regierung verraten, die anderen durchschauen den Mythos vom „unbeugsamen Volk des Donbass“. Es gibt einige Menschen in der „Grauen Zone“, die gegen die andere Seite kämpfen. Doch die meisten stellen klar: Sie würden nicht für die Regierung, für einen Staat kämpfen. Sie kämpfen ums Überleben, für ihre Kinder und LebenspartnerInnen, oder für die Kühe, die sie nicht zurücklassen wollen.

Die Menschen versuchen, in der Grauzone ein normales Leben zu führen. Sie versuchen, den Krieg, wen auch nur für Augenblicke, „auszusperren“. Draußen und drinnen sind wiederkehrende Topoi. Drinnen, das sind gleichsam die Lichtpunkte, deren Schatten bereits die „Graue Zone“ umreißt. Der Krieg, schreibt Sommerbauer, zieht Grenzen, wo zuvor keine waren. Sie verlaufen nicht nur mitten durch Dörfer und Familien, sie verlaufen auch durch die Köpfe der einzelnen Menschen. Der Krieg schränkt ein, auf allen Ebenen. Umso eindrucksvoller ist es zu sehen, wie die Menschen sich ihre winzigen Freiräume schaffen, die sie mit allem Einsatz vor dem Krieg verteidigen. In diesem Licht erschienen sie selbst nicht mehr als schwach oder gebrechlich, sondern als starke Frauen und Männer.

Die Reportage besteht zu einem großen Teil auch aus Fotografien. Porträts der Menschen sind eingebettet in die Landschaften ihrer jeweiligen Grazzone. Neben einem verwüsteten Klassenzimmer sind notdürftig geflickte Verschläge zu sehen, daneben Innenräume, in denen Kinder ihre Hausaufgaben machen, ein Wohnzimmer, in dem die kleine Marijka Violine spielt, oder ein Kino, in dem ein Konzert der HipHopper stattfindet. Die Formate wechseln von halb- auf ganzseitig, und immer wieder breiten sich die Bilder wie optische Fermate auf eine Doppelseite aus. Dass sich die Seiten wunderbar öffnen lassen, ist der durchdachten Hefttechnik zu danken, bei der der äußere Buchumschlag nicht am Buchrücken klebt.
Dass aus den Bildern Poesie spricht, hat nichts mit Ästhetisierung zu tun, es knüpft vielmehr an die Anstrengungen der Menschen an, die inmitten ihrer Grauzone nach Lichtpunkten suchen, um ihrem Leben den Anschein einer Normalität zu verleihen.



Rezensiert von: Martin Reiterer
Link: www.springerin.at/2019/1/