Im Eiswind des 20. Jahrhunderts

Wiener Zeitung - Bücher aktuell, 30.07.2016



"Out of the Night", im Frühjahr 1941 in den USA erschienen, war ein skandalöses Buch, das wilde Debatten provozierte und gewaltigen politischen Wirbel verursachte, weil die USA gerade dabei war, mit Sowjetrussland ein militärisch-politisches Bündnis einzugehen. Es war aber nicht nur ein Buch über kommunistischen Terror, sondern auch einer der ersten literarischen Berichte über nationalsozialistische Konzentrationslager. Zudem war man neugierig auf den Autor, der sich hinter dem Pseudonym Jan Valtin verbarg - nämlich Richard Krebs -, und der sich nur mit verdecktem Gesicht fotografieren ließ. Das Buch erreichte bald Millionenauflage und verführte seine Leserschaft zu heftigen Reaktionen; die "Time" ernannte es 1941 zum Buch des Jahres, während in der deutschsprachigen Exilzeitschrift "Freies Deutschland" Ernst Bloch von einer neuen "Literaturgattung des Verrats" schrieb, als deren Giftblüte er das Buch von Valtin sah.

Aber als es dann 1957 in Deutschland erschien, unter dem Titel "Tagebuch der Hölle" und immer noch unter dem Pseudonym Jan Valtin, herrschte seltsames Schweigen, gerade so, als wüsste man schon über alles bestens Bescheid. Die wenigen Rezensionen waren routiniert und gingen auf Distanz, man tat das Buch ab als eine Räuberpistole oder als Seemannsgarn, und die Geschichtsforschung ließ es, wie alle Renegatenberichte, als unzuverlässigen Zeugenbericht rechts liegen (dass Margaret Thatcher es später in ihren Erinnerungen als eines ihrer Lieblingsbücher lobte, hat dem Buch auch nicht geholfen).

"Anrüchig"


Skandalös aber ist, dass sich die Exilliteraturforschung bis heute um das Buch nicht gekümmert hat, obwohl es das wohl auflagenstärkste der gesamten Exilliteratur ist - ganz offensichtlich passte es nicht so recht ins Selbstbild einer Exilliteratur, die in heroische Geschichten des Antifaschismus verliebt war; man versah "Out of the Night" in den Handbüchern der Exilliteratur, wenn man es denn überhaupt erwähnte, mit dem Etikett "anrüchig". "Die literaturhistorischen Troglodyten fassen das nicht an", schrieb in den 80er Jahren spöttisch Gerhard Zwerenz, ein Autor, der sich mit politischen Abwegen und literarischen Konjunkturen recht gut auskannte.

Richard Krebs, Jahrgang 1905, war schon als Kind durch die Welt gekommen - sein Vater war Kapitän im Dienst des norddeutschen Lloyd. Nach dessen Tod war er, wie viele bürgerliche Zeitgenossen, in die KPD eingetreten und als Seemann mit den frühen Geheimapparaten der deutschen und sowjetischen Partei in Berührung gekommen. Seine Aufträge führen ihn rund um die Welt, eine Odyssee (ohne ein Ithaka) durch den kommunistischen Untergrund Europas und Amerikas, die ihm 1926 eine Gefängnisstrafe in San Quentin einbringt, wo er Jack London und Joseph Conrad liest, Schreibkurse belegt und Romane zu schreiben beginnt.

Aber er stellt seinen Traum, Schriftsteller zu werden, zurück, um wieder in die Dienste der Komintern zu treten. Seine Freunde warnen ihn: "Die Komintern hat sich verändert. Sie ist ausgerichtet worden. Sie läuft jetzt wie ein Torpedo. Immer nur in eine Richtung. Es gibt keine Abweichungen mehr, keine internen Diskussionen, keine Kompromisse". 1932 erreicht er als politischer Instrukteur (Krebs spricht vom "reisenden Offizierskorps der dritten Internationale") den Gipfel seiner Laufbahn, ist verwickelt in Operationen des militärischen Geheimdienstes der Sowjets (GRU), beteiligt auch an Mordaktionen der Apparate gegen Nazis.

Zwischen den Blöcken


Ernst Wollweber (ein späterer Stasi-Chef der DDR) sendet ihn im November 1933 zu einem Auftrag nach Deutschland, wo er in die Fänge seiner Gegner gerät; er wird gefoltert und lässt sich im Konzentrationslager im Auftrag der Komintern "umdrehen". Seine Frau bleibt als Geisel der Nazis in Deutschland zurück; Krebs liefert von der Komintern-Zentrale in Kopenhagen gefälschtes Material an die Deutschen. Als er aus Angst, seine Frau zu gefährden, flieht, wird er von Gestapo und NKWD gejagt, auch noch in den USA.

Er kann dort seine Spuren verwischen und untertauchen. Dann wählt er, unterstützt von alten Genossen, darunter Robert Bek-Gran, einem Freund B. Travens, einen für seine Zeit nicht untypischen Ausweg: mit einer "Autobiographie" wendet er sich an die amerikanische Öffentlichkeit und bittet so um politisches Asyl.

"Mit achtzehn war ich mir wie ein Riese vorgekommen. Mit einundzwanzig war alles ganz einfach: ‚Eine Handgranate ins Gesicht der Gegenrevolution!’ Mit zweiundzwanzig machten die Polizeibehörden von einem halben Dutzend Nationen auf mich Jagd, weil sie in mir den Hauptunruhestifter der Komintern an den Küsten Europas sahen. Mit einunddreißig war ich beschäftigt, Hitlers Gefängnisse in Schulen für den proletarischen Internationalismus zu verwandeln. Und jetzt, mit dreiunddreißig, stand ich vor der Frage: ‚War das alles Lüge gewesen, ein elender Spuk?’ Niemand kann sich selbst die Haut abziehen"
Das schreibt Krebs am Ende seines Buches, das wie wenige andere den Blick auf die politische Geschichte der totalitären Systeme verändert.

"Tagebuch der Hölle" ist ein Thriller, in seinen besten Passagen vergleichbar mit Romanen von Joseph Conrad oder Eric Ambler, eine Saga der Komintern, die es mit Manès Sperbers "Wie eine Träne im Ozean" oder den Romanen von Arthur Koestler nicht nur literarisch aufnehmen kann. Was als ein Abenteuerroman beginnt, der von wilden Seeräubereien handelt, endet als die bedrückende Geschichte von der Selbstzerstörung der Linken oder, wie Ernst von Waldenfels schreibt, als "ein zorniges Manifest gegen den Zynismus der Funktionäre und die menschenverachtenden Praktiken der Komintern". Die Geschichte von der parteiinternen Hinrichtung eines Genossen im chinesischen Bürgerkrieg, die Bertolt Brecht in seinem Lehrstück "Die Maßnahme" erzählt, kehrt hier hundertfach wieder: als europäischer Parteialltag.

Glaubwürdiger Bericht


"Von Kopf bis Fuß mit Schmutz besudelt und aus jeder Pore Blut vergießend, erhebt sich auf dieser Seite des Atlantiks ein seefahrender Mann, um eine grausige Geschichte von Intrigen und Verschwörung, von Spionage und Gegenspionage, von Verrat, Folter und Mord zu berichten. Es ist eine wahre Geschichte, ein glaubwürdiger Bericht über greifbare Tatsachen, obgleich von Tatsachen, die an die Rubrik ‚Unwahrscheinliche Geschichten’ erinnern."

So beginnt Karl Korsch, einer der politischen Lehrer von Bertolt Brecht, im Frühjahr 1941 in den USA seine Besprechung von "Out of the Night - Tagebuch der Hölle", und diese Sätze signalisieren schon, was man nur ungern wahrhat, dass hier eine glaubwürdige Geschichte erzählt wird. Die politischen Unwetter der zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre, von denen das Buch erzählt und die ihren Autor mehr als einmal fast ums Leben bringen, sind keine von Theater-Wettermaschinen entfachten Stürme, und sie hören auch nicht auf mit der Publikation des Buches, sondern die amerikanische Veröffentlichung selbst ist ein politischer Schachzug, ebenso die Benutzung eines Pseudonyms, und auch die Verweigerung eines Gattungstitels. Da steht weder "Autobiographie" noch "Roman" (und der Gattungstitel "Politthriller" war 1940 noch nicht erfunden).

Die amerikanischen Kommunisten heuchelten Entrüstung und forderten als gute Amerikaner die Ausweisung des Autors, der als Nazi denunziert wurde, nach Deutschland, und verlangten das Verbot des Buches, das eine "Bibel der Sowjetfeinde" sei; man machte Jagd auf den Autor, der nur knapp einem Attentat entging. Als der Druck stärker wurde, konnte Richard Krebs sich nur dadurch retten, dass er sich als Kriegsfreiwilliger meldete und im Fernen Osten als Soldat kämpfte. Nach dem Krieg lebte er in den USA, wo er schon 1951 starb.

Krebs-Valtin - der Name steht seither für eine internationale Unterwelt, die im Schatten der totalitären Diktaturen entstanden war: die Welt der politischen Instrukteure der Komintern, der Saboteure und Parteisoldaten, der kommunistischen Apparate und der politischen Polizeien. Ihre Akteure tauchen, wenn überhaupt, nur am Rande der geläufigen Geschichtsbilder und Parteigeschichten auf, in denen "Galionsfiguren" wie Ernst Thälmann oder Georgi Dimitroff die Hauptrolle spielen.

Da Männer wie Richard Krebs eine schlichte politische Biographie zur Tarnung benutzten, konnte es geschehen, dass er von vielen Zeitzeugen, wie beispielsweise von Herbert Wehner, als bedeutungslose Figur oder Phantast abgetan wurde. Andere, die seine eigentliche Funktion ahnten oder kannten, haben ihn publizistisch attackiert (wie Ernst Bloch im Januar 1942) oder totgeschwiegen. Obwohl sein Buch, als es in den USA erschien, von Pearl S. Buck bis H.G. Wells über den grünen Klee gelobt wurde, blieb es im deutschsprachigen Raum ausgeklammert - Krebs wurde nicht wahrgenommen, weil er sich nicht in die gewohnten politischen Bilder fügte.

Die Neuausgabe


Vielleicht ändert sich die Gleichgültigkeit, die das Buch 1957 in Deutschland erfahren hat, nun mit der Neuauflage, die vor ein paar Monaten im Wiener Bahoe Verlag erschienen ist. Plötzlich kann man "Tagebuch der Hölle" als ein ungeheuer spannendes Buch preisen, als eine Geschichtsreise in die wilden Stürme der totalitären Systeme, kann man seine verblüffenden literarischen Qualitäten rühmen und auch davon sprechen, dass die neue Ausgabe sorgfältig gemacht ist, kurz: ein schönes Buch.

Die politische Brisanz ist verraucht, und die Gefährlichkeit des Buches hat sich darauf reduziert, dass, wer sich darauf einlässt, für einige Nächte Schlaflosigkeit riskiert.

Ich habe das "Tagebuch der Hölle" in den achtziger Jahren ein paar Freunden gegeben - sie haben alle geflucht, weil sie davon gefangen genommen wurden, aber sie haben dann darüber geschrieben. "Niemand kannte Valtin, Georg K. Glaser oder Franz Jung, niemand wollte das kennen", schreibt beispielsweise Klaus Theweleit im "Buch der Könige", und er nennt es dann zu recht "das schrecklichste Buch über die Selbstdestruktion der Kommunistischen Linken in den dreißiger Jahren."



Rezensiert von: Michael Rohrwasser
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