„Tromp!“

Profil, Nr. 3, 13.1.2019



Darf man Massenmord als Comic zeichnen? Die Frage führt an einem Wintertag ins Büro von Gudrun Blohberger. Als pädagogische Leiterin des Mauthausen Memorial ist sie immer wieder mit der Schwierigkeit konfrontiert, Unsagbares in Worte fassen zu müssen. Über Mauthausen als Tatort wurde unendlich viel geschrieben, die NS-Verbrechen in Statistiken und Tabellen eingefangen. „Ich bin über dieses Buch sehr glücklich“, sagt Blohberger, 47, in ihrem schmuck-kargen Büro in der Erinnerungsstraße 1 von Mauthausen.

Das Buch, über das Blohberger spricht, ist die Graphic Novel „Mauthausen“, das erste Comic über Österreichs größtes Konzentrationslager, in dem bis zur Befreiung im Mai 1945 über 90.000 Menschen im Hauptlager und in rund 40 Außenlagern den Tod fanden. „Mauthausen“, erschienen im Wiener Bahoe Verlag, erzählt in den Bildern des spanischen Zeichners Jordi Peidro, Jahrgang 1965, die Lebensgeschichte von Francisco Aura Boronat, eines von 7000 spanischen Häftlingen, die in Mauthausen interniert waren. 4200 davon wurden ermordet; mit Boronat, geboren 1918, starb Ende des Vorjahres der letzte noch lebende Spanier, der aus dem KZ gerettet wurde.

„Jedes Medium, das sich mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzt, ist mir willkommen“, sagt Blohberger in ihrem Büro. Sie erinnert an eine Buchpräsentation in Klagenfurt. Vorgestellt wurde die Graphic Novel „Peršmanhof – 25. April 1945“, ebenfalls kürzlich bei Bahoe erschienen, die Aufarbeitung eines NS-Massakers in Kärnten wenige Tage vor der Befreiung durch die Alliierten. „Eine Zeitzeugin fragte entsetzt in den Raum, ob man sich mit diesem Comic über die Opfer lustig machen wolle! Ist das Missverständnis einmal ausgeräumt, dass Comics nicht zwangsläufig Micky Maus sein müssen, stoßen historische Bildergeschichten sofort auf Interesse.“ Wenn man Blohberger eine Weile zuhört, lernt man ihre Vermittlungsarbeit noch mehr zu schätzen.

Die Geschichte des Grauens wurde früh gezeichnet. Die ersten Zeugnisse des Massenmords waren Skizzen, Zeichnungen, Aquarelle. Der Italiener Giovanni Baima Besquet kam im Jänner 1944 nach Mauthausen. Sein Leiden brachte er in Bildergeschichten zu Papier, die im Frühling 1946 als Buch erschienen. Jedes Bild eine neue Tortur: der Marsch vom Bahnhof zum Lager; die Schikanen bei der Leibesvisitation; die Suppenausgabe, bei der es Schläge hagelte. Kurz nach der Veröffentlichung starb Besquet mit 27 Jahren an den Folgen der Gewalt.

Mauthausen ist Friedhof, Freilichtmuseum und Forschungsstätte einer noch immer schwer fassbaren Chronik von Unmenschlichkeit und Barbarei. Auf dem Areal liegen ungezählte Namenlose begraben, so etwas wie Normalität sickert hier selten in den Tag. In der beeindruckenden Dauerausstellung im ehemaligen Krankenrevier bildet sich die klirrende Kälte des NS-Zynismus ab: „Es gibt einen Weg zur Freiheit“, verkündete die Inschrift auf einer Tafel, die an den Außenwänden mehrerer Häftlingsbaracken angebracht war: „Seine Meilensteine heißen: Gehorsam – Fleiß – Ehrlichkeit – Ordnung – Sauberkeit – Nüchternheit – Wahrhaftigkeit – Opfersinn – Liebe zum Vaterland.“ „Mauthausen“-Zeichner Jordi Peidro ruft ohne Schnörkel und Schnickschnack Francisco Aura Boronats Dahinvegetieren in Mauthausen so nachdrücklich wie drastisch wach, in Bildern und Worten. Über 3500 Menschen wurden in Mauthausen vergast. „Die Leichen türmten sich an der Tür, da die Menschen versuchten, hinaus zu gelangen“, ist in „Mauthausen“ zu lesen: „Da die Tür nach innen aufging, war es fast unmöglich, sie zu öffnen. So mussten wir sie durch eine nach außen öffnende ersetzen.“

Für „Vergehen“ wie „Frechheit“ und „Faulheit“ setzte es Strafen auf dem Prügelbock: Schläge auf das entblößte Gesäß mit Stock oder Peitsche. „Tromp!“ steht in den Sprechblasen von „Mauthausen“ für jeden Schlag, 25 Mal „Tromp!“. Boronat, Häftlingsnummer 4208, erinnert sich an einen namenlosen Gefangenen, bei dessen Hinrichtung er Zeuge war. Ein Moment, der eine ganze Geschichte der Grausamkeit erzählt. Wie auch im Fall von Hans Bonarewitz, der nach einem gescheiterten Fluchtversuch zum Tode verurteilt wurde. Es gibt ein Foto der SS vom 30. Juli 1942, auf dem Bonarewitz neben seiner Fluchtkiste steht, ein Bretterverschlag auf Rollen, überspannt von einem improvisierten Dach. Auf die Kiste ließ die SS den Spruch schreiben: „Den Teufel gerochen. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah.“ Bevor das Urteil durch Erhängen auf dem Appellplatz in Mauthausen vollstreckt wurde, mussten die Häftlinge für Bonarewitz Spalier stehen und die Gefangenenkapelle den Gang zur Hinrichtungsstätte musikalisch begleiten.

Gudrun Blohberger legt in ihrem Büro ein Foto auf den Tisch. Darauf ist eine geschlossene Phalanx von Häftlingen auf der sogenannten Todesstiege zu sehen, unförmige Granitbrocken auf den Schultern balancierend. Das SS-Propagandabild sollte den Eindruck vermitteln, dass hier organisiert gearbeitet wurde, ohne Befehle im Brüllton. Daneben platziert Blohberger eine Zeichnung Simon Wiesenthals aus dem Steinbruch, der in Mauthausen 1945 befreit wurde und später sein Leben dem Ausforschen der Nazi-Täter widmete: Manchmal erzählt eine Skizze in groben Strichen mehr von der Brutalität und Willkür der Wächter als die mutmaßliche Unbestechlichkeit des Kameraauges. Die SS nannte die Häftlinge, die sie über die Steinbruchwand in den Tod stieß, menschenverachtend „Fallschirmspringer“. Auch Francisco Aura Boronat schuftete im Steinbruch um sein Leben. „Obwohl es grausam klingt“, wird er in „Mauthausen“ zitiert: „Wenn alle gebannt zusahen, was dort passierte, nützten wir die Zeit, um etwas auszuruhen.“ Jedes Aufprallen eines Körpers aus großer Höhe in „Mauthausen“ ein „Crash!“

Mauthausen war auch ein Ort unheimlicher Gleichzeitigkeit. Auf der Wiese vor dem ehemaligen Garagenhof empfingen die Fußballer der SS die gegnerischen Mannschaften, angefeuert von Dorfbewohnern, nur durch einen Stacheldrahtzaun vom Sanitätslager getrennt, in dem besonders viele Häftlinge starben. Es wurden Ehen zwischen SS-Männern und Frauen aus Mauthausen geschlossen, man traf sich zu Kinoabenden im Lager. Wo heute die prächtige Trauerweide beim ehemaligen Fußballplatz steht, ließen die Alliierten nach 1945 von Einwohnern der Region, NSDAP-Funktionären und SS-Soldaten ein Massengrab ausheben. Auf einem Foto sind Männer zu sehen, die Erde schaufeln, im Hintergrund leuchtet ein Fußballtor. In „Mauthausen“ sind die Leichenberge, die begraben werden, Stillleben weniger schwarzer Striche, als habe sich jedes Menschsein verflüchtigt.

„Wir werden hier immer weniger“, sagt in „Mauthausen“ einer der Überlebenden nach der Befreiung 1945. „Zumindest haben wir mehr Platz in den Betten“, antwortet ein anderer: „Betten? Wann hast du zuletzt ein Bett gesehen?“ Am Ende lachen die Opfer: „HA, HA, HA!“ – „HI, HI, HI! – „HO! HO! HO!“



Rezensiert von: Wolfgang Paterno
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