Kärntnerin des Tages

Kleine Zeitung, 14.1.2019



Ihr fehlen niemals die Worte

Evelyn Steinthaler (47) erzählt die Geschichte eines Nazi-Verbrechens in Kärnten – in einem Comic.

Darf man Kriegsverbrechen, die dunklen Seiten der Zeitgeschichte, in Comicform darstellen, doer wird das Grauen dadurch verniedlicht?
Die Kunstform Comic, also eine Geschichte in einer Folge von gezeichneten Bildern, ist an keine Genregrenzen, gebunden. Evelyn Steinthaler hat das erste Comic geschrieben, das sich mit einem in Kärnten begangenen Kriegsverbrechen befasst: dem Massaker an Zivilisten am Peršmanhof in Bad Eisenkappel, der ab 1941 ein Stützpunkt der Kärntner Partisanen war.

Mitglieder des SS- und Polizei-Regiments töteten kurz vor Kriegsende elf Personen der Familien Sadovnik und Kogoj, das jüngste Opfer war sieben Monate alt. Nur drei Kinder überlebten, darunter das Mädchen Anči, das die zentrale Figur im Comic darstellt. Autorin Steinthaler erzählt diesen Tag des Grauens, illustriert wird die Geschichte von der Wienerin Verena Loisl.

„Dieses Comic ermöglicht ein Stück Zeitgeschichte jenen Menschen zugänglich zu machen, die keine wissenschaftliche Abhandlung lesen möchten“, erklärt die Autorin ihre Beweggründe. Demnächst tourt die 47-jährige Klagenfurterin mit dem Comic durch Schulen. Sie wurde zuerst in deutsche Schulen eingeladen. Mittlerweile haben auch die ersten Kärntner Schulen um einen Besuch gebeten.

In Österreich noch Neuland

Die Aufarbeitung von Geschichte in Comicform habe in anderen Ländern wie Frankreich und Italien bereits Tradition, sei aber in Österreich noch Neuland. Ein großer Boden, den Steinthaler da beackern will. Ein nächstes zeitgeschichtliches Comic hat die Absolventin der Kommunikationswissenschaft an der Uni Wien bereits in Arbeit.

Für die Hörbuchproduzentin und Übersetzerin ist es wichtig, sich in unterschiedlichsten beruflichen Zusammenhängen gesellschaftspolitisch zu engagieren. So hat sie auch für SOS-Mitmensch gearbeitet und war viele Jahre Jugendarbeiterin. Zu ihrem Engagement gehört, gegen das gesellschaftliche Schweigen zu arbeiten. „Traumata werden an nächste Generationen weitergegeben, wenn sie nicht bearbeitet werden“, sagt die Wahl-Wienerin, die zwei Jahre lang in London lebte. Derzeit schreibt sie an ihrem ersten Roman, der in der Mitte des 20. Jahrhunderts angesiedelt ist und sich unter anderem wieder mit Kärnten beschäftigt.

Aber nicht nur literarisch hängt Steinthaler, die vor zehn Jahren mit dem Bruno-Kreisky-Anerkennungspreis ausgezeichnet wurde, an Kärnten. Sie kocht und isst gerne kärntnerisch und besucht sehr gerne Eishockeyspiele in Wien – allerdings nur, wenn der KAC spielt.



Rezensiert von: Stephan Schild
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