Valter verteidigt Sarajevo

Antifa Infoblatt, Nr. 121, Winter 2018



Vladimir Perić alias Valter war Partisan, Mitglied der Kommunistischen Partei Jugoslawiens und Sekretär der Kommunistischen Partei Sarajewos. 1919 im ehemaligen Jugoslawien geboren, kämpfte er ab 1941 gegen die Nazis, die im Zuge ihres Balkanfeldzuges Jugoslawien zur Kapitulation gezwungen hatten, die faschistische Ustascha und die königstreuen Tschetniks. Ab 1942 war Valter in Sarajevo stationiert. Dort sabotierte er gemeinsam mit anderen Untergrundkämpfer_innen Aktionen der Deutschen und ihrer KollaborateurInnen, unterstützte die Bewohner_innen und organisierte den Austausch von Genoss_innen aus den Konzentrationslagern Jasenovac und Stara Gradiška gegen gefangengenommene Deutsche.

In dieser Zeit spielt der Comic „Valter verteidigt Sarajevo“. In sechs Episoden, die jeweils eine erfolgreiche Aktion gegen die Deutschen zeigen, erzählt der Comic, wie Valter und seine Mitstreiter auf kreative und mutige Weise die Pläne der Nazis vereiteln.

Der erstmals in den 1970er Jahren veröffentlichte jugoslawische Comic über den legendären Partisanen-Kommandanten des 1940 geborenen Zeichners Ahmet Muminović, erschien im Sommer auf Deutsch bei bahoe books. Dabei erinnert der Comic nicht nur an die Person Valter und den Widerstand gegen die Nazis im ehemaligen Jugoslawien, sondern auch an die Kriegs- und Abenteuercomics der 1960er und 1970er Jahre. In schwarz-weiß gehaltene Zeichnungen werden kantige, männliche Protagonisten gezeigt, die sich mit Fäusten und Waffen den Nazis entgegenstellen. Valter hat dabei im entscheidenden Moment immer die richtige Idee und den Mut, um seine Freunde zu beschützen und ein paar Nazis in den Tod zu schicken. Besonders die vielen in die Luft gejagten Nazis bleiben einem dabei im Gedächtnis. Stil und Erzählweise sind somit, ganz ihrem historisch-kulturellen Kontext verpflichtet, unterhaltsam bis komisch. Komisch dann, wenn die Nazis mal wieder gar nicht merken, wie die als eutsche verkleideten Partisanen direkt vor ihrer Nase Maschinen sabotieren und Valter immer wieder als selbstloser Held die Situation meistert.

Die Stilisierung Valters als unfehlbarer Held ist nicht aus der Luft gegriffen. 1949 wurde der Partisan offiziell zum jugoslawischen Volkshelden erklärt. Während der Comic eine Erfolgsgeschichte erzählt, als Valter und seine Freunde einen Baukran der Deutschen zerstören, der enorm wichtig für die Reparatur der von anderen Partisanen zerstörten Bahngeleise ist, stirbt der echte Valter im April 1945 durch eine Granate. Seine Beerdigung wurde von 15.000 Menschen begleitet.

Neben Fotografien von dem Begräbnis werden die gezeichneten Bilder auch von Fotografien von Valter und seinen Genoss_innen ergänzt. Das Vorwort, das viele Informationen zur Person Vladimir Perić und den Ereignissen in Jugoslawien während des Zweiten Weltkriegs enthält sowie der Anhang rahmen den fiktionalen Comic und führen den Leser_innen vor Augen, dass sie es hier mit einer an die Historie angelehnten grafischen Erzählung zu tun haben. Die häufig doch pathetische Überhöhung Valters und seines unfehlbaren Heldentums, das zum Teil fast dem rhetorischen Mittel des Deus ex machina ähnelt, ist neben seiner realen Verehrung (es gibt Straßen, Bäckereien, ein Fahrradrennen, Filme und eine Biermarke, die sich auf Valter beziehen) auch auf den Stil und die Erzählweise der Comics der 1960er und 1970er Jahre zurückzuführen. Schade ist es dabei, dass im Comic nicht eine Partisanin vorkommt, obwohl auf den Fotografien Mitra Mitrović und andere Partisaninnen zu sehen sind.

Eindrucksvoll ist dagegen die Rezeptionsgeschichte des Comics. So ist er der erfolgreichste jugoslawische Comic und erfreut sich auch in China größter Beliebtheit, wo er über acht Millionen mal verkauft wurde. Die deutsche Erstauflage ermöglicht nun auch einem deutschsprachigen Publikum den Legenden von Valter zu folgen und einen Einblick in den eher unbekannten Widerstand im ehemaligen Jugoslawien zu bekommen. Wünschenswert wäre es, wenn es noch mehr Comics über den Widerstand gäbe, die auch anderen Beteiligten die verdiente Aufmerksamkeit zukommen lassen würden.



Rezensiert von: (Red.)
Link: www.antifainfoblatt.de/ausgabe/aib-121