Das Unvorstellbare in Farbe gegossen

Falter, Nr. 1–2/19



Die beiden neuen Graphic Novels „Mauthausen“ und „Peršmanhof“ zeichnen die Nazi-Diktatur in Österreich nach.

Als Francisco Aura Boronat erfährt, dass ein Comiczeichner sein Leben als Bildgeschichte zeichnen möchte, ist er anfangs dagegen. Darf man das Leben eines jungen Menschen, der durch die Hölle von Mauthausen gegangen ist, in Comicform darstellen? Oder verniedlicht die gezeichnete Form das Grauen, das er erlebte?
Man darf, entschied der Spanier, der von den Nationalsozialisten in Frankreich gefangen genommen und nach Mauthausen deportiert worden war. Einige Tage nach der Befreiung des Konzentrationslagers hatten sich er und seine Mitgefangenen geschworen, der ganzen Welt von den Gräuel der Nazis zu erzählen. Eine Raphic Novel könnte eine Möglichkeit sein, seine Geschichte vor dem Vergessen zu bewahren, indem auch ein jüngeres Publikum angesprochen wird.

Vom Spanienkrieg nach Mauthausen

Die Nazis ermordeten im KZ Mauthausen in Oberösterreich mindestens 90.000 Menschen. Boronat ist der letzte heute noch lebende Spanier, der in Mauthausen gefangen war. Von den insgesamt 7000 Spaniern, die dort interniert waren, ermordeten die Nazis 4200.
Boronat selbst war noch nicht einmal 18 Jahre alt, als er sich den spanischen Volksmilizen anschloss, um die Stadt Madrid gegen die Putschisten des spanischen Faschistenführer Franco zu verteidigen.
Die demokratische gewählte Volksfront verlor, Franco errichtete eine Diktatur und der junge Kämpfer flüchtete ins Exil nach Frankreich. Dort wurden die Spanienkämpfer in Lagern interniert und schließlich aufgefordert, auf der Seite Frankreichs gegen das Deutsche Reich zu kämpfen. Als die Wehrmacht in Frankreich einmarschierte, versuchte Boronat, in die Schweiz zu fliehen. Doch die Schweizer Grenzschützer drohten, alle zu erschießen, die versuchten, illegal über die Grenze zu gelangen. Schließlich deportierten die Nazis ihn und seine Freunde im April 1941 nach Mauthausen. Dort mussten die spanischen Gefangenen gemeinsam mit Juden die sogenannte „Todesstiege“ bauen. In der Graphic Novel „Mauthausen“ zeichnet der spanische Comiczeichner und Theaterautor Jordi Peidro die Geschichte Boronats nach.

Als der Peršmanhof brannte

Auch in der Graphic Novel „Peršmanhof, 25. April 1945“ sind es die starken Bilder, die betroffen machen. Die Autorin Evelyn Steinthaler und die Illustratorin Verena Loisel erzählen darin einen einzigen Tag gegen Ende des Krieges. Es ist jener Tag, an dem eine Einheit der SS ein Massaker an Zivilisten verübte. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Anci, einem von drei Kindern, die das Massaker überlebten. Elf Menschen, darunter sieben Kinder, waren ermordet worden.
Der Peršmanhof in Bad Eisenkappel in Kärnten wurde von der kärntner-slowenischen Familie Sadovnik bewirtschaftet. Ab dem Jahr 1941 war der Hof auch Stützpunkt der Kärntner Partisanen, die gegen die Nazis kämpften. An diesem Tag, in Erwartung des Kriegsendes, befinden sich zwischen 100 und 150 Partisanen auf dem Hof. Nach einer Anzeige stürmt die SS das gehöft. Den Partisanen gelingt die Flucht, die Nazis ermorden daraufhin die Zivilisten. Das jüngste Opfer war sieben Monate alt.
Die beiden Bücher sind zwei erschreckende Zeugnisse dessen, was vor mehr als 70 Jahren in Österreich möglich war.
Was beide Erzählungen verbindet, ist die Frage, die der Spanier Boronat an den Beginn seiner Geschichte stellt: „Nach all dem Erlebten, nach allem, was die Welt erlitten hat, fangen wir immer wieder von vorne an. Was ist los mit uns? Haben wir in all der Zeit nichts gelernt?“



Rezensiert von: Nina Horaczek
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