Revolution Wozu? - Ein kritischer Kommentar zu Jan Valtins Buch Tagebuch der Hölle

Living Marxism, Bd. 5, Nr. 4



Aus: Living Marxism, Bd. 5, Nr. 4 (Frühjahr 1941), S. 21—29. Auf Deutsch erschienen in: Karl Korsch, Politische Texte, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt a.M. 1974, S. 349–363

( Diesen Text gibt es auch als PDF zum >>downloaden<<)

»Von Kopf bis Fuß mit Schmutz besudelt und aus jeder Pore Blut vergießend«, erhebt sich auf dieser Seite des Atlantiks ein seefahrender Mann, um eine grausige Geschichte von Intrigen und Verschwörungen, von Spionage und Gegenspionage, von Verrat, Folter und Mord zu berichten. Es ist eine wahre Geschichte, ein glaubwürdiger Bericht über greifbare Tatsachen, obgleich von Tatsachen, die an die Rubrik »Unwahrscheinliche Geschichten« erinnern. Trotzdem gibt es einen Unterschied. Es sind nicht isolierte Tatsachen, die so unglaubbar erscheinen, daß sie nicht zu der Alltagserfahrung zu passen scheinen. Valtins Buch enthüllt eine ganze Welt sinnvoll verbundener Fakten, die ihre wesentliche Qualität, nämlich unwirklich zu erscheinen, selbst dann bewahren, wenn ihre Wahrheit bewiesen ist. Es existiert eine wirkliche Unterwelt, die sich unter der Oberfläche der gegenwärtigen Gesellschaft befindet; anders aber als bei den verschiedenen, voneinander getrennten kriminellen Unterwelten, handelt es sich bei dieser um eine einheitliche Welt mit einer ihr eigenen Art menschlichen Handelns und Leidens, ihren besonderen Situationen und Personen, mit Treue und Verrat, Umwälzungen und Zusammenbrüchen. Es mag sein, daß die Behauptung von Verlegern und Rezensenten, daß »Out of Night« mit »jedem anderen Buch unvergleichbar« ist und einen »Meilenstein in der Geschichte der Literatur« darstellt, berechtigt ist, wenn auch in einem ganz anderen Sinn, als sie es gemeint haben. Sicherlich hat noch niemals zuvor ein Mann von 36 Jahren mit »einem ungewöhnlich knabenhaften Gesicht« (aus der Ankündigung des Verlags) eine solch grausige Geschichte erzählt, eine Geschichte, die nicht nur seine individuellen Abenteuer zum Gegenstand hat, sondern einen wichtigen Abschnitt der Weltgeschichte, die nicht von längst vergangenen Ereignissen handelt, sondern von Dingen, die am Vortag geschehen sind und die auf eine ähnliche Weise immer noch stattfinden können.
Der Titel des Buches ist völlig irreführend. Wer kam da aus der Nacht? Wann und wo und für wen begann der neue Tag? Welches Recht hat der Verlag zu behaupten, daß dieser Mann, Val-tin, »ein Symbol der Hoffnung in dieser dunklen Stunde« ist, »ein Symbol einer Generation, die von einem langen Weg durch die Wildnis zurückgekehrt ist, um die Zivilisation überall erneut zu errichten?« Das einzige, wozu seine Karriere als GPU- und als Gestapo-Spion dienen kann, der zwischen beiden schließlich als Doppelspion hin- und herwechselte, bis dies vollständig unmöglich wurde, kann die Symbolisierung des endgültigen Bruchs eines zweifelhaften Bündnisses im Rahmen des Konkurrenzkampfes zwischen dem deutschen Nationalsozialismus und dem russischen Bolschewismus sein. Wie viele der Leser, die sich heute, nachdem sie zuvor Anhänger des Bolschewismus gewesen waren, voller Stolz glauben, daß sie, wie Valtin, von einem langen Weg durch die Wildnis zurückgekommen sind, um überall erneut die Zivilisation aufzubauen (»die Demokratie zu verteidigen«), sind sich dessen bewußt, daß sich mit ihnen, ebenso wie mit ihrem Helden, nichts weiter geändert hat, als die äußere Situation? Wie Valtin hätten sie niemals von der Möglichkeit geträumt, daß an einem Tag im August 1939 die beiden sich bekämpfenden Weltmächte, der Faschismus und der Bolschewismus, zu Abmachungen kommen würden, worauf keine der beiden Seiten die besonderen Dienste noch brauchen würde, die sie im Austausch für das bestimmte Maß an »Sicherheit« und »Schutz« erhalten hatten, das sich in dieser Welt, so wie sie ist, nur aus dem Zusammenhang mit irgendeiner machtausübenden Organisation ergibt — sei sie nun heilig oder nicht. (Dies gilt für die spezifischen Dienste, die von Professoren und anderen Intellektuellen geleistet werden, ebenso sehr wie für die Dienste von Spionen, Fälschern, Mördern und andere niedere Dienste.)
Was Valtins Rolle selbst betrifft, so wird kaum versucht, ihren traurigen Charakter zu verbergen. In dieser Hinsicht überragt er, trotz allem, was wir über ihn gesagt haben, um vieles einige seiner glühendsten Bewunderer innerhalb der ersten, jüngst von bußfertigen amerikanischen Intellektuellen geschaffenen »Front zur Verteidigung der Demokratie« (früher Volksfront). Obgleich er den Weg zur amerikanischen Demokratie gefunden hat — der Verfassung seines letzten Zufluchtlandes — verbirgt er doch nicht seine davon wesentlich unterschiedene Einstellung. Er stellt ziemlich klar die geistige Verfassung dar, die er erreicht hatte, nachdem er nach einigen qualvollen Jahren in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern schließlich seine wohlüberlegte Abkehr vom Kommunismus vollzog und das Programm von Mein Kampf akzeptierte. Er hat niemals vorgegeben, daß er, als er diesen Schritt seinen Henkern erklärte, vollständig gegen seine eigene, innere Überzeugung gesprochen hat: »Vieles, was ich sagte, war nicht gelogen; es waren Schlußfolgerungen, zu denen ich in vielen tausend einsamen Stunden des Nachdenkens und Grübelns gekommen war« (Seite 526) . Selbst jetzt, im Jahre 1939 und in Amerika ansässig, stellt er den revolutionären Internationalismus seiner Jugend nahezu in derselben Art dar, als ob er seine erst vor kurzem erfolgte Bekehrung zu einem »gesunden Nationalismus« dem Inspektor Kraus im Konzentrationslager immer noch zu beweisen hätte (Seite 528 f). Sein Bekenntnis zum Nationalsozialismus war mehr als ein Lippenbekenntnis, da er seinen Peinigern erklärt hatte, daß er »als Junge aus den gleichen Motiven der Kommunistischen Partei« beigetreten war, »die andere [Jugendliche] in die Reihen der Hitlerbewegung führten« (Seite 527). Wenn er überhaupt je eine Wahl gehabt hat, wird er sich von Anfang an zu jener der beiden antidemokratischen Bewegungen hingezogen gefühlt haben, die die Gewalt am meisten verherrlichte. Er berichtet glaubwürdig von dem Eindruck, als er als Jugendlicher mit 14 Jahren zum ersten Mal sah, wie »ein Mann sein Leben verliert«.
Der Mann war ein Offizier im Feldgrau, der während des Aufstandes der Matrosen in Bremen am 7. November 1918 einen Bahnhof verließ, welcher von den Meuterern umstellt war: »Er übergab nur langsam seine Waffen und Achselstücke. Er machte nicht mehr als eine Bewegung, seine Pistole zu ziehen, als sie sich auf ihn stürzten. Gewehrkolben sausten durch die Luft auf ihn herunter. Nicht weit weg davon schaute ich fasziniert zu. Dann wandten sich die Matrosen ab und gingen gemächlich zu ihren Lastwagen zurück. Ich hatte schon zuvor tote Menschen gesehen. Aber ein gewaltsamer Tod und die wütende Raserei, die ihn begleitete, waren etwas Neues für mich. Der Offizier bewegte sich nicht mehr. Ich wunderte mich darüber, wie leicht ein Mensch getötet werden konnte. — Mit meinem Fahrrad fuhr ich davon, fieberhaft erregt über ein unbekanntes Machtgefühl.« (Seite 114; Hervorhebung von Karl Korsch.)
Ähnliche Ereignisse traten während der nächsten 15 Jahre immer wieder auf — und obwohl er nicht mehr länger ein argloser Zuschauer gewesen war, beobachtete er sie nach wie vor mit großer Distanz, »fasziniert« und fieberhaft erregt durch ein »unbekanntes Machtgefühl«. (Es gab eine ruhmreiche Ausnahme, mit der wir uns weiter unten auseinandersetzen werden.) Erneut ergriff ihn diese Faszination, als er 1931 die erste Rede von Hauptmann Göring gehört hatte: »Ich versuchte kühl zu bleiben, versuchte, Notizen zu machen über das, was ich zu sagen beabsichtigte, nachdem Hauptmann Göring gesprochen hatte, aber ich gab bald auf. Der Mann faszinierte mich.« (Seite 199; Hervorhebung von Karl Korsch.)
In dieser Geschichte eines uneinsichtigen Anhängers antidemokratischer Überzeugungen ist daher nicht viel von einem »Evangelium der Demokratie« zu spüren. Valtins Flucht in das Land der »Demokratie« ist ein bloß äußerliches Ereignis. Es gab für ihn zwischen dem faschistischen Hammer und dem kommunistischen Amboß keinen Platz mehr. Auf diese Weise symbolisiert er nicht die sentimental verzerrte, sondern die wirkliche Geschichte jener Menschen, die nach dem deutschrussischen Vertrag von 1939 und noch mehr nach dem Zusammenbruch von Holland, Belgien und Frankreich sich in einer Falle befunden haben und immer noch verzweifelt nach einem Ausweg suchen. Es ist ein heuchlerischer und selbstzerstörerischer Versuch, diese grausige, aber wahre Geschichte Valtins an die amerikanische Öffentlichkeit zu verkaufen, und zwar als einen erhebenden Bericht von der Erlösung eines Sünders aus der Verdammnis des undemokratischen Kommunismus und Nationalsozialismus.
Ebenso absurd ist es jedoch, den Leser zu bitten, wie es in der Januarausgabe der Mitteilungen des »Klubs der Bücher des Monats« geschah, dieses Buch »vor allem als eine Autobiographie« anzusehen »und als solche zu lesen«. Der eigentliche Grund, warum Valtins Buch in diesem Land mit der Billigung des FBI erschienen ist, warum es vom »Klub der Bücher des Monats« im Februar ausgewählt wurde, warum es die Spitze der Bestseller-Liste für Tatsachenberichte erklommen hat, warum es im Rundfunk vorgestellt wurde, und warum es auszugsweise in zwei Ausgaben von »Life« und in gekürzter Form in der Märzausgabe von »Reader's Digest« nachgedruckt worden ist, ist nicht seine literarische Qualität, sondern seine Nützlichkeit als Kriegspropaganda, sowohl gegen das nationalsozialistische Deutschland als auch gegen dessen möglichen Verbündeten, das kommunistische Rußland. Das Buch besitzt eine wirklich epische Qualität, etwa in den Kapiteln 18 und 19 (»Sowjet-Kapitän«) und in allen anderen Teilen des Buches, die mit Schiffen, Häfen und dem seefahrenden Volk zu tun haben. Weiterhin wird durch das ganze Buch hindurch jene Eigenschaft des Autors auf eindrucksvolle Weise dargestellt, die selbst seine nationalsozialistischen Peiniger nicht unberührt gelassen hat, als sie zu ihm sagten: »Sie besitzen Weltkenntnis« [Weltkenntnis im englischen Original auf Deutsch, d. U.]. Es gibt andere Teile des Buches, einschließlich der rührenden Geschichte von »Firelei«, von der man sagen konnte, daß sie vielleicht etwas zuviel an lyrischer Anstrengung verrät; hier wird sich jedoch der Kritiker gern eines Urteils enthalten, da es nur allzuoft ein sehr schwieriges Unterfangen darstellt, eine Grenze zwischen echter Emotion und melodramatischer Zurschaustellung von Gefühlswallungen zu ziehen. Was uns jedoch berührt, ist die Frage der politischen Bedeutung des Buches. Was trägt es zu unserem Wissen über diese gewaltige revolutionäre Bewegung der Arbeiterklasse von Europa bei, die das gesamte traditionelle System von Mächten und Privilegien aus dem Gleichgewicht geworfen hat — und zwar in einem solchen Ausmaß, daß sie selbst in ihrer endgültigen Niederlage eine neue und offenbar noch stärkere Bedrohung für das bestehende System darstellt —, die unlösbare ökonomische Krise, die faschistische Revolution und ein neuer Weltkrieg. Was lehrt uns das Buch über die Fehler, die zur Niederlage und Selbstzerstörung der revolutionären Bewegung während der vergangenen zwei Jahrzehnte geführt haben, und was kann aus ihm gelernt werden, um ähnliche Fehler in der Zukunft zu vermeiden?
Bevor wir versuchen, darauf eine Antwort zu geben, sollten wir überlegen, welchen Beitrag wir zu diesen weitreichenden politischen Problemen von einem Buch, wie es das vorliegende ist, erwarten können. Es wäre unvernünftig, von einem Mann eine ausgeprägte politische Urteilskraft zu erwarten, der im Alter von 14 Jahren in den Mahlstrom der deutschen Revolution geriet und später den wichtigsten Teil seines Lebens in der vollständigen Abgeschlossenheit des professionellen Spions und Verschwörers verbrachte; dabei wurden die drei Jahre, die er in einem amerikanischen Gefängnis zubrachte und die vier Jahre in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager nicht einmal berücksichtigt. Abgesehen von den Kontakten zu wirklichen Menschen, mit denen er auf den Schiffen und in den Häfen, während seiner zahlreichen Reisen über die sieben Weltmeere, in Berührung kam, gab es in seinem langen Leben als Revolutionär nur eine kurze Periode — sie dauerte vom Mai bis Oktober 1923 — während der er die Möglichkeit besaß, an tatsächlichen Kämpfen der Arbeiterklasse teilzunehmen. Diese Periode gipfelte in der aktiven Teilnahme an dem berühmten Aufstand der Militärorganisation der KP in Hamburg im Oktober 1923 — und wurde durch diesen auch abgeschlossen. Danach verließ er den Schauplatz und verbrachte einige Zeit im Ausland, verrichtete gelegentliche Aufträge für die Partei und kehrte erst zu Beginn des Jahres 1930 wieder nach Europa und Deutschland zurück. Jetzt erst war er mit wichtigeren Aufgaben betraut und stand unter der direkten Kontrolle des inneren Kreises der Komintern. Jetzt erst hatte er die Möglichkeit, den Ablauf der Ereignisse von einem Punkt aus zu beobachten, welcher den Gesichtskreis eines Geheimagenten, der mit einer besonderen und ihm oftmals unverständlichen Aufgabe betraut war, überschritt. Sein Unglück bestand darin, daß die internationale kommunistische Bewegung ihre frühere unabhängige Bedeutung verloren hatte. Sie war zu einem bloßen Instrument des russischen Staates geworden. Selbst in diesem eingeschränkten Bereich erfüllte sie keinerlei politische Funktion mehr, sondern war auf bloße Organisations- und Konspirationstätigkeit reduziert. Die nationalen Sektionen der Komintern (die kommunistischen Parteien der verschiedenen Länder) waren im wesentlichen zu voneinander getrennten Abteilungen des russischen Geheimdienstes geworden. Sie wurden nur noch scheinbar von ihren politischen Führern geleitet, in Wirklichkeit wurden sie von den verschiedenen Agenten der GPU kontrolliert. Während des ersten Abschnitts von Valtins Karriere gab es also eine politische Bewegung, von der er aber nur einige flüchtige Eindrücke wahrnahm; und während des späteren Abschnitts war alles, was von dem früheren politischen Charakter der KPs übriggeblieben war, nur noch der bloße Schein einer wirklich politischen Bewegung.
Diese Zusammenfassung von Valtins persönlicher Geschichte erklärt sowohl die Brauchbarkeit als auch die Mängel seines Beitrags zur politischen Geschichte der Revolution. Er versteht selbst heute noch nicht viel von dem völlig anderen Charakter, den die kommunistische Arbeiterbewegung früher in Deutschland und anderen europäischen Ländern hatte; er begreift ihren späteren konspirativen Charakter als das eigentliche Wesen einer revolutionären Bewegung. Dieses tragische Mißverständnis ergibt sich in Valtins Fall aus der eigentümlichen Verknüpfung verschiedener Ursachen. Seine Kindheit während der Entstehung der Kommunistischen Partei von 1919—1923, die besonderen Bedingungen an der »Wasserkante« und noch mehr in Hamburg, die in vielen eine sehr viel spätere Entwicklungsphase der Partei vorwegnahm, seine eigene ungestüme, begeisterungsfähige und unbekümmerte Natur, die ihn von Anfang an für die Rolle eines »Berufsrevolutionärs« im leninistischen Sinne des Begriffs vorherbestimmt hat, seine besondere Nützlichkeit als »echter Seemann« (Seite 212) auf einem Gebiet, das sowohl für die internationale revolutionäre Politik, als auch für die besonderen Ziele der russischen Machtpolitik von hervorragender Bedeutung war, — all das trug dazu bei, ihn von den »normalen« Erfahrungen des Klassenkampfes auszuschließen, lange bevor die Trennung der Masse der Arbeiter von einem geheimen inneren Kreis zu einem typischen Merkmal der kommunistischen Bewegung überall in der Welt geworden war. Als er im Mai 1923 der Partei beitrat, wurde er sofort für besondere Aufgaben ausgewählt; er wurde zum Mitglied einer der »Aktivistenbrigaden« im Hafen von Hamburg, zum militärischen Führer und zum »Kurier« zwischen den bekannten Führern der deutschen Partei und ihren russischen Militärberatern. Der bloße Instinkt und viel Glück verhinderten, daß er nicht in die ersten, amateurhaften Versuche der Terrorgruppen verwickelt worden ist, die damals durch Geheimagenten, die zu diesem Zweck von Rußland geschickt worden waren, zum Bestandteil der revolutionären Politik in Deutschland wurden.
Es ist leicht zu zeigen, wie wenig Valtin von dem gewagten Doppelspiel verstanden hat, welches der Eingriff der russischen Kommunisten in den revolutionären Kampf der deutschen Arbeiter gewesen war. Bis heute glaubt er an die meisten der romantischen Geschichten über »eingeschleuste Generäle«, die damals von Mund zu Mund gingen; diese sollten insgeheim von der Sowjetregierung gesandt worden sein, um den militärischen Endkampf des geplanten Aufstandes durchzuführen. Es ist wahr, daß eine Reihe russischer Offiziere eingeschleust worden sind, und daß sie auch tatsächlich für so phantastische Pläne verantwortlich waren, wie den der Ermordung Generals v. Seeckt, des Kopfs der deutschen Reichswehr, durch die Tscheka-Gruppen des berüchtigten Felix Neumann, der später alle Mitglieder der Tscheka-Einheiten und ihre geheimen Führer, die russischen Offiziere, an die deutsche Polizei verriet. Aber es entspricht ebenso der Wahrheit, daß die russischen Offiziere in einer doppelten Eigenschaft nach Deutschland gekommen waren. Während die Sowjetregierung die deutsche KP bei der Vorbereitung des Aufstands unterstützte, war sie zur gleichen Zeit in Geheimverhandlungen mit demselben General v. Seeckt verwickelt, den ihre Geheimagenten zu ermorden planten. Die Geheimverhandlungen mit dieser militaristischen und reaktionären Clique - den Vorläufern des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik - wurden mit dem Ziel geführt, eine russisch-deutsche Allianz gegenüber Frankreich und England zu bilden, die zu dieser Zeit gerade in das Rheinland und in das Ruhrgebiet einmarschiert waren. Die Verhandlungen führten zu einer Reihe militärischer Übereinkommen und ebneten den Weg zu dem Vertrag, der im Frühjahr T926 zwischen Deutschland und Rußland abgeschlossen wurde.357 Alle russischen Offiziere, die 1924 im sogenannten Tscheka-Verfahren vor Gericht gestellt und in Leipzig zum Tode oder zu langen Gefängnisstrafen verurteilt worden waren, wurden kurz darauf nach Rußland zurückgeschickt. Der sich dahinter verbergende diplomatische Vorgang wurde durch die Festnahme und Anklage einiger, ansonsten unbekannter deutscher Studenten verschleiert, die von der GPU in Moskau der Spionage bezichtigt worden waren.
Alle russischen Offiziere, die 1924 im sogenannten Tscheka-Verfahren vor Gericht gestellt und in Leipzig zum Tode oder zu langen Gefängnisstrafen verurteilt worden waren, wurden kurz darauf nach Rußland zurückgeschickt. Der sich dahinter verbergende diplomatische Vorgang wurde durch die Festnahme und Anklage einiger, ansonsten unbekannter deutscher Studenten verschleiert, die von der GPU in Moskau der Spionage bezichtigt worden waren. Sie wurden verurteilt und anschließend gegen »General« Skoblewski (alias Helmut, alias Wolf) und die anderen, in Deutschland festgenommenen russschen Offiziere ausgetauscht. Valtin glaubt in seiner Darstellung von diesen Ereignissen immer noch naiv an die Geschichte, die damals durch die deutsche und die russische Regierung verbreitet worden ist und auch von den Arbeitern im allgemeinen akzeptiert wurde. Felix Dscherschinski, der »oberste Chef der GPU«, so berichtet uns Valtin, hatte im stillen den Schlag gegen die deutschen Studenten eingeleitet und so die deutsche Regierung gezwungen, jene russischen Offiziere zu entlassen, die eine Verschwörung gegen das Leben v. Seeckts vorbereitet hatten und bei der Organisierung der revolutionären Zerschlagung des deutschen Staates beinahe erfolgreich gewesen waren. Wir haben dieses besondere Problem nicht deshalb so ausführlich dargestellt, weil wir die Naivität von Valtins Bericht nachweisen wollten, sondern es geht uns um Wichtigeres — nämlich darum, die Verzerrung aufzuzeigen, der die Geschichte des Klassenkampfes unterliegt, wenn man sie von dem beschränkten Gesichtspunkt eines »technischen« Experten, eines professionellen Verschwörers und Spions aus betrachtet. Diese Verzerrung ist dem gesamten Bericht von Valtin über diese früheren Phasen inhärent, in welcher die kommunistische Bewegung noch mehr oder weniger eine wirkliche politische Bewegung gewesen war, ein echter Ausdruck des ihr zugrunde liegenden Klassenkampfs.
Leider kann derselbe Einwand nicht gegen Valtins Darstellung der späteren Phasen der kommunistischen Bewegung geltend gemacht werden. Zu dieser Zeit war die Verkümmerung einer echten politischen Bewegung zu einer bloß konspirativen Organisation zu einer historischen Tatsache geworden: Nach 1923 und erneut nach 1928 und 1933 und endgültig nach 1939 wurde die sogenannte Kommunistische Partei zu dem, was sie nach Valtins Annahme immer gewesen war — ein bloß technisches Instrument in der Hand einer geheimen Führung, bezahlt und ausschließlich kontrolliert vom russischen Staat, vollständig außerhalb jeder Kontrolle durch ihre Mitglieder oder der Arbeiterklasse als ganzer.
Auf diese Weise ist der größere Teil von Valtins Buch eine äußerst wertvolle Beschreibung der wirklichen Verzerrungen, denen eine revolutionäre Bewegung unterliegt, wenn sie sich von ihrem ursprünglichen Ziel und ihrer Verwurzelung im Klassenkampf, löst. Es besteht kein Zweifel, daß Valtin diesen geschichtlichen Prozeß und sein schließliches Ergebnis realistisch beschrieben hat. Er hat die Tatsachen ohne Zurückhaltung aufgedeckt, ohne merkliche Rücksichtnahme auf andere Personen und mit nur sehr wenig Rücksichtnahme auf sich selbst. Er hat die charakteristischen Züge der innere Geschichte einer gewaltigen Verschwörung vollständig enthüllt, deren Details - bedingt durch ein sorgfältig durchdachtes und streng eingehaltenes Verfahren — nur der kleinen Anzahl unmittelbar beteiligter Personen bekannt waren und von denen die meisten gestorben sind, ohne ihre Erinnerungen zu hinterlassen. So verfolgt er in seinem Tatsachenbericht das Wirken eines jener historischen Prozesse bis zu ihrem bitteren Ende, die dazu beigetragen haben, die völlige Niederlage der revolutionärsten Bewegung unserer Zeit herbeizuführen und jede Form einer unabhängigen Arbeiterbewegung gegenwärtig im Dunkel der Verzweiflung, der Auflösung des Klassenbewußtseins und der zynischen Hinnahme des konterrevolutionären Ersatzes einer wirklichen Arbeiterrevolution versinken zu lassen.
Dennoch kann man nicht sagen, daß Valtin die Geschichte des Verfalls der kommunistischen Bewegung in einer Weise dargestellt hat, die für die politisch Interessierten unter seinen Lesern von großem Nutzen ist. Wir müssen seinen Bericht um zwei Punkte erweitern — und das heißt, daß wir den schleichenden Prozeß betonen müssen, durch den die ersten Keime des späteren Verfalls in die revolutionäre Bewegung hineingetragen wurden; und daß wir die Gesamtheit der historischen Entwicklung verstehen müssen, die von diesen kaum merklichen Anfängen zu der gegenwärtig vollständigen Korruption einer einstmals revolutionären Bewegung geführt haben.
Die Massen der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ahnten kaum, was ihnen bevorstand, als sie auf ihrem Parteitag in Halle im Herbst 1920, gemeinsam mit weiteren 20 »Bedingungen zur Aufnahme in die Kommunistische Internationale« , der Notwendigkeit einer geheimen, »illegalen Arbeit« als Ergänzung zu der sonst üblichen Arbeit einer revolutionären Partei zustimmten. Sie hatten während der Zeit von 1914—1918 einige Erfahrungen mit der »illegalen Arbeit« gemacht. Sie hatten eine geheime Organisation der Arbeiterräte und schließlich die Arbeiter- und Soldatenräte aufgebaut, um den Krieg zu beenden und eine sozialistische Revolution zu organisieren. Sie waren an Zeiten gewöhnt, in denen die gesamte legale Arbeit der revolutionären Parteien (außerhalb der formal noch respektierten parlamentarischen Sphäre) unterdrückt, ihre Führer verfolgt, ihre Institutionen zerstört, und so die ganze Partei für eine bestimmte Zeit »in die Illegalität getrieben wurde«. So waren sie der Meinung, daß es in der Auseinandersetzung im Jahre 1920 um nichts anderes ging, als um diesen unerläßlichen Bestandteil einer jeden wirklich revolutionären Aktion — einen Bestandteil, der selbst unter den normalen Bedingungen des Klassenkampfs vorhanden ist (z. B. in der Organisation eines gewöhnlichen Streiks). Sie verdächtigten die Rechten, die alle 21 Bedingungen ablehnten, eines hinterhältigen Anschlags auf diese unvermeidliche Form der Aufrechterhaltung der revolutionären Bewegung während jener kritischen Phasen, die ihrem entscheidenden Sieg vorangehen oder auf ihre zeitweiligen Niederlagen folgen. Sie waren aus diesem Grunde auch nicht in der Lage, auf die Warnungen der linksradikalen Kommunisten zu hören, die, an der Tradition von Liebknecht und Luxemburg festhaltend, die Spontaneität der revolutionären Massenaktion von unten nach oben gegenüber der Herrschaft einer unkontrollierten Führung von oben nach unten hervorhoben. Sie ahnten nicht , und mit ihrer historischen Erfahrung konnten sie es auch nicht ahnen, daß von nun an ein immer größerer Teil — und schließlich die gesamte Organisation und Politik, ihre Taktik und Strategie, die Bestimmung ihrer Gegner und ihrer Verbündeten, ihre Theorien, ihre Sprache und ihre Sitten und damit ihr ganzes Verhalten — von Geheimbefehlen abhängen würden, die sie von oftmals zwielichtigen Agenten der unbekannten Führer erhielten, ohne daß die Mitglieder auch nur die leiseste Möglichkeit zur Einflußnahme oder zur Kontrolle haben würden. (Dies war es, was in kommunistischen Zirkeln unter dem beeindruckenden Begriff »demokratischer Zentralismus« verstanden wurde.) Schon im darauffolgenden Jahr gab die »Märzaktion« vom Jahre 1921 einen ersten Eindruck von jener Krankheit, die von da an die gesunde Entwicklung der revolutionären Arbeiterbewegung in Deutschland zerstört hat. Es war das erste in einer langen Reihen von Ereignissen, in denen die Elite der tapfersten und hingebungsvollsten Arbeiter für ein unsinniges Unternehmen geopfert wurde, das weder auf einer spontanen Bewegung von unten noch auf einer Krise des bestehenden ökonomischen und politischen Systems beruhte. Es war ausschließlich von einer geheimen, halbmilitärischen Organisation geplant und dann auch in die Niederlage geführt worden. Dasselbe wurde unter ähnlichen Bedingungen und mit denselben zersetzenden Folgen, während der gesamten darauffolgenden Zeit wiederholt, bis es den endgültigen Zweck, der dieser Art zu handeln von Anfang an inhärent gewesen war, wirklich erfüllt hatte. Die Partei gebrauchte ihre organisatorischen Mittel nicht dazu, die Arbeiter aufzurütteln, sondern hielt sie vielmehr vom entscheidenden Kampf gegen die wachsenden Kräfte des Nationalsozialismus ab, weil, wie Maniulski auf der 11. Tagung des Exekutivkomitees der Komintern 1932 sagte, es nicht stimmt, »daß der Faschismus Hitlerscher Färbung der Hauptfeind sei« . Als dies gesagt wurde, hatte die Vorstellung von der Revolution als einer Verschwörung ihren historischen Höhepunkt bereits überschritten, obwohl es noch zu einer Nachblüte kam. Die Zeit der sogenannten Volksfront, die nach 1933 eingeleitet worden ist, brachte noch viele neue Phasen, bis die Kommunistische Partei völlig heruntergekommen war. Als beispielhaft für diesen Verfall kann ein »kommunistischer« Angehöriger des Lehrkörpers des City Colleges von New York angesehen werden, der so konspirativ zu Werke ging, daß er, als er half, die kommunistische Studentenzeitung mit zu edieren und herauszugeben, Handschuhe trug, um zu verhindern, daß er Fingerabdrücke hinterließ, da er »eine außergewöhnliche Furcht vor einer Entdeckung« hatte.
Ein letzter Einwand, der gegen Valtins Bild von dem Zerfall der Kommunistischen Partei erhoben werden kann, besteht darin, daß er auf die Erörterung verzichtete, in welcher Weise Lenins Konzept von einer, auf Konspiration beruhenden Revolution mit anderen Teilen der Leninschen Theorie eng verbunden ist — vor allem mit seinen Auffassungen von Partei und Staat, mit seiner Annahme über die Rolle der verschiedenen Klassen und sogar ganzer Nationen, in der »ungleichen Entwicklung« der proletarischen Revolution und nicht zuletzt mit seiner Theorie von der »Diktatur des Proletariats«. Hier ist erneut ein offensichtlicher Mangel des Buches weniger durch den beschränkten technischen Horizont des Autors bedingt, als vielmehr durch die Tatsache, daß keines dieser umfassenderen politischen Konzepte der leninistischen Theorie auch nur die geringste Wirkung auf die Handlungen und Unterlassungen ausgeübt hat, über die er in seinem Buch berichtet. Während dieser späteren Phase der Komintern, der sich der Bericht hauptsächlich zuwendet, waren all die hochtönenden Begriffe der ursprünglichen Theorie längst zu leeren Phrasen heruntergekommen, die keinerlei Bedeutung für das praktische Verhalten der revolutionären »Verschwörer« mehr besaßen. Alles was die von Valtin beschriebenen Leute von diesen leninistischen Theorien verwandt haben, war die unbeschwerte Übernahme eines uneingeschränkten Gebrauchs aller Formen von Gewalt, und zwar sowohl gegen die herrschenden Mächte, als auch gegen jene proletarischen Kritiker der vermeintlich unfehlbaren Führung, die schon von Lenin und dann von seinen Nachfolgern bis heute mit immer neuen und immer giftigeren Bezeichnungen wie »Agenten der Bourgeoisie in den Reihen der proletarischen Klasse«, »Agenten der Konterrevolution«, des »Sozialfaschismus«, des »Trotzkismus« usw. usw., verunglimpft wurden.
Es gab keinen Zusammenhang mehr zwischen den verschiedenen Formen und Graden der angewandten Gewalt und den unterschiedlichen Aufgaben, die in den verschiedenen Stadien der revolutionären Entwicklung zu lösen waren. Tatsächlich könnte Valtins unkritischer Bericht dazu dienen, eine Wechselwirkung aufzuzeigen, nämlich daß der Gebrauch von Gewalt um so mehr jede Einschränkung überschritten hat, je mehr die Bewegung ihren ursprünglichen revolutionären Charakter verloren hat und zu einem bloßen Geheimdienst geworden ist, der sich unter dem Kommando und im Sold der äußeren und inneren Machtpolitik Stalins in Rußland befand. So war z. B. ein unterschiedsloser Gebrauch der Sabotage von den frühen Kommunisten gemeinsam mit allen anderen marxistischen Parteien zurückgewiesen worden. In der späteren Zeit wurden, wie Valtin eindrucksvoll aufgezeigt hat, alle nur denkbaren Formen von Sabotage allgemein verwandt, und diese hatten längst aufgehört, noch irgendein theoretisches Problem zu enthalten.
Ebenso war die berühmte »Säuberung« von abweichenden Parteimitgliedern ursprünglich in der Form von Disziplinarmaßnahmen durchgeführt worden, die im Ausschluß aus der Partei gipfelten; sie wurde später zu einer besonderen Methode der Charakter-Vernichtung und schließlich zur direkten Ermordung von Individuen und ganzen Gruppen, von Parteimitgliedern und Nichtmitgliedern, sowohl innerhalb als auch außerhalb Rußlands, weiterentwickelt. (Die Ermordung Trotzkis durch die GPU in Mexiko war nur das hervorstechendste Beispiel eines fast als »normal« zu bezeichnenden Verfahrens, für das sich eine breitere Öffentlichkeit jedoch so lange kaum interessierte, wie es auf die Vernichtung jetziger oder früherer Revolutionäre beschränkt war.)
Zum Schluß noch ein Wort gegen jene erleuchteten Menschen, die die Bedeutung von Valtins Buch herabsetzen wollen, indem sie hervorheben, daß der Autor niemals »ein bedeutender Kommunist« gewesen ist. Es ist in der Tat bemerkenswert, daß dieser schärfste Angriff auf die gegenwärtigen Usurpatoren des Namens des revolutionären Kommunismus nicht von einer der Parteispitzen kommen sollte, sondern von einem dieser gewöhnlichen Arbeiter, die immer für die höheren Zwecke der Götter mißbraucht und geopfert wurden. Hier finden wir ein passendes Symbol jener Form, in der der letzte Schlag gegen die konterrevolutionäre Macht, die sich in Stalins Rußland festgesetzt hat, geführt werden wird: der Aufstand der Massen.

Rezensiert von: Karl Korsch