Grauzone

IDM-Info, 4/2018



Die Ukraine und Russland erfahrene Journalistin Jutta Sommerbauer ermöglicht in dem im Verlag Bahoe Books erschienen Buch „Grauzone“ tiefe Einblicke in das tägliche Leben in der Konfliktzone im Donbass, Ostukraine, und zeigt in der ihr gegebenen Authentizität die Sinnlosigkeit dieses Krieges für die Bewohner vor Ort auf. Es sind eindrückliche Schilderungen und Interviews mit der leidenden Bevölkerung und auch Akteuren auf lokaler Ebene, Alltagssituationen und Lebensbedingungen im Kriegsgebiet entlang der sogenannten Kontaktlinie zu den von Separatisten selbsproklamierten Volksrepubliken Donezk und Luhansk.

Nach der völkerrechtswidrigen Annektion der Krim unterstützt Russland, teils mit – wie von Präsident Putin bezeichnet – „Soldaten auf Urlaub“, die Abspaltungsbewegungen und Söldner in den Separatistengebieten der Ostukraine. Ihnen stehen reguläre ukrainische Truppen und Freiwilligenverbände gegenüber.

Jutta Sommerbauer zeigt mit ihren Interviews vor Ort auf, dass der Leidtragende die lokale Bevölkerung im Konfliktgebiet ist, von denen die wenigsten glauben, dass es etwas gibt, für das es sich zu kämpfen oder gar zu sterben lohnt. Man will diesen Krieg nicht, der, wie es heißt „komu-to eto wygodno“ – irgendjemandem nutzt, aber nicht den Bewohnern der Konfliktzone. Es ist ein Stellungskrieg mit täglichem Gewehrfeuer, Artillerie- und Raketenbeschuss. Große Teile der Kampfzone sind zudem vermint. Seit Beginn der Auseinandersetzungen wird von über 10.000 Todesfällen berichtet. Es handelt sich somit nicht um einen eingefrorenen Konflikt.

Der Autorin gelingt es, ihren Interviewpartnern auf beiden Seiten der Kontaktlinie spannende Geschichten und persönliche Erfahrungen zu entlocken, die durch bewegende und einfühlsame Fotos von Florian Rainer mehr als ergänzt werden. Daraus ergibt sich ein sehr lebendiges Gesamtbild mit großer atmosphärischer Dichte.

Es gehört ein bewundernswerter Mut dazu, insgesamt 18 Ortschaften in der Kampfzone von Schirokine, östlich von Mariupol am Asowschen Meer an der Frontlinie zur selbstproklamierten Volksrepublik Donezk im Süden, bis nach Schastia und Staniza Luhanska an der Frontlinie zur selbstproklamierten Volksrepublik Luhansk zu besuchen.

Deutlich wird, dass der Krieg die Schwächsten trifft, die zum Flüchten körperlich zu schwach sind, oder keine finanziellen Möglichkeiten haben, zu fliehen. Bemerkenswert der Satz einer alten Frau im Separatistengebiet, die geblieben ist: „Russland und Weißrussland werden sich vereinigen aber die Ukraine wird sich noch lange sträuben.“

Im Buch wird auch auf die täglichen Schikanen eingegangen, denen die Beölkerung beim Übertritt über die Frontlinie ausgesetzt ist. Beim Checkpoint Majorsk hat die EU drei hölzerne Plumpsklos gespendet. Dahinter liegen Minenfelder. Dass der Humor trotz aller Widrigkeiten und Aussichtslosigkeit nicht gänzlich verloren ging, manifestiert ein Foto von Florian Rainer aus Donezk – auf Stangen montierte gezackte Autoreifenteile, zu Palmen stilisiert.

Das Buch ist allen, die über die Meldungen zum Krieg in der Ostukraine hinaus erfahren wollen, wie die Bevölkerung vor Ort mit den Gegebenheiten zurechtkommen muss und zu überleben trachtet, bestens zu empfehlen. Die Interviews vermitteln eine Fülle von Tatsachenschilderungen. Zugleich ist es ein Antikriegsbericht, der die Sinnlosigkeit dieses Konflikt für die Betroffenen vor Ort anprangert.



Rezensiert von: Mag. Georg Krauchenberg
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