Geboren am 17. November

Alpine Anarchist Productions, 19.12.2018



Leisten wir uns zu Beginn eine Vereinfachung: Es gibt Autobiografien politischer Akteure, die mehr oder weniger interessante Geschichten erzählen. Und es gibt Autobiografien politischer Akteure, die uns in der gegenwärtigen Suche nach einer revolutionären Perspektive weiterbringen. Spoiler-Alarm: Dieses Buch tut Letzteres.

Dimitris Koufontinas war langjähriges Mitglied der Revolutionären Organisation 17. November, kurz 17N. Der 17N verübte von 1975 bis 2002 in Griechenland Anschläge auf Repräsentanten und Einrichtungen des herrschenden Systems. Der Name erinnert an den Tag, an dem im November 1973 der Aufstand gegen die Militärdiktatur am Polytechnikum Athen ausbrach.

Koufontinas beschreibt den 17N als „eine Organisation, die der klassischen Linie der III. Internationalen folgte, wonach bewaffnete Strukturen und militanter Massenkampf die Einheit der revolutionären Kräfte und den Aufbau der Partei fördern und nicht etwa schwächen würden“. Warum sich der 17N auch in libertären Kreisen vieler Sympathien erfreute, wird spätestens klar, wenn Koufontinas den „wirklichen Sozialismus“ in den „spontanen Keimen der Selbstorganisation, der Selbstbestimmung, der Selbstverwaltung“ lokalisiert. In der Praxis des 17N verbanden sich sozialrevolutionäre und antiimperialistische Ansätze.

Das Buch beginnt mit einem Paukenschlag. Koufontinas‘ Beschreibung eines missglückten Anschlags, bei dem ein Genosse schwer verletzt wird, ist fesselnd. Wir schreiben das Jahr 2002. Die fehlgeschlagene Aktion leitet das Ende des 17N ein. Nachdem die Polizei Jahrzehnte im Dunkeln tappte, kommt sie nun einer Reihe von Mitgliedern auf die Spur. Koufontinas stellt sich schließlich selbst, um „die Verantwortung zu übernehmen“.

In Geboren am 17. November vermischen sich Erlebnisberichte mit politischen Reflexionen. Letztere zerstreuen sich etwas auf den 300 Seiten, die das Buch ausmachen, doch Ordnungssinn mag eine deutsche Untugend sein. Geschmackssache ist die blumige Sprache, die wir auch aus anderen Texten radikaler griechischer Bewegungen kennen. Die poetischen Verarbeitungen von „Feuer“ und „Flamme“ erreichen Rekordniveau. Berührend sind die Anmerkungen zu Familie, Geliebten und Freunden. Persönliche und politische Verantwortung miteinander in Einklang zu bringen, gehört zu den großen Herausforderungen eines revolutionären Lebens.

Abgesehen von den wichtigen Beiträgen zu politischer Praxis erfahren wir in Geboren am 17. November jede Menge über die Geschichte Griechenlands. Koufontinas zeichnet den Weg nach, der zum „neoliberalen Totalitarismus“ und der Finanzkrise von 2010 führte. In einem Abschlusskapitel wagt sich Koufontinas gar an Fragen zur Zukunft revolutionärer Politik. Er bemüht sich dabei um Optimismus: „Die Kämpfe nehmen zu und die Basis des Widerstands wird immer größer.“ Der in diesem Zusammenhang wichtigste Satz findet sich allerdings schon auf Seite 16 des Buches: „Wenn man die Revolution nicht vorbereitet und nicht organisiert, dann will man sie nicht wirklich.“

Geboren am 17. November ist nicht nur schön gestaltet, es liest sich auch gut, was ein großes Verdienst der Übersetzung ist. Wobei auch die beste Übersetzung nur beschränkt dabei helfen kann, alle Diskussionen in einem anderen kulturellen Zusammenhang greifbar zu machen. Was unter der „offiziellen Linken“, „Militanz“ oder einer „alternativen Arbeiterbewegung“ zu verstehen ist, unterscheidet sich nicht nur von Land zu Land, sondern von Wohnprojekt zu Wohnprojekt. Doch liegt es an uns, Koufontinas‘ Einsichten praktisch relevant zu machen. Kollektive Interpretationen sind Teil der Aufgabe.

Koufontinas zitiert in seinem Buch Umfragen, denen zufolge mehr als 20 Prozent der griechischen Bevölkerung mit dem 17N sympathisierten. Das Urteil darüber, wie viel Einfluss die Organisation auf die politischen Entwicklungen im Lande hatte, muss anderen überlassen bleiben. Koufontinas‘ Ausführungen machen jedoch deutlich, dass eine militante linke Kraft auch in einer parlamentarischen Demokratie ein wichtiger politischer Faktor sein kann und nicht zum Sinnloskommando verurteilt ist. Für Leser*innen mit Interesse an entsprechenden Debatten ist die Lektüre dieses Buches unabdingbar.



Rezensiert von: Gabriel Kuhn
Link: www.alpineanarchist.org/r_koufontinas_rezension.html