Geboren am 17. November

Junge Welt, 17.12.2018



Die Autobiographie des griechischen Stadtguerillakämpfers Dimitris Koufontinas liegt nun auf deutsch vor

Die Täter scheinen gegen alles und jeden zu sein, erzählte der deutsche Botschafter in Griechenland, Karl-Heinz Kuhna, am 17. Mai 1999 dem Spiegel. Wenige Stunden zuvor war das Dach seines Anwesens im Athener Vorort Halandri mit einer Panzerfaust beschossen worden. Obwohl noch kein Bekennerschreiben vorlag, wussten die Behörden sofort, aus welcher Richtung das Projektil kam: »Die Polizei vermutete die Täter in Kreisen der Untergrundorganisation 17. November«, gab der Spiegel wieder. »In den 80er Jahren stahlen Mitglieder zahlreiche Panzerfäuste aus einer Kaserne. Die Polizei fand eine zerbrochene Abschussröhre etwa 100 Meter von der schwerbewachten Residenz entfernt.«

In der Tat verfügte die Mitte der 1970er Jahre in Griechenland gegründete »Revolutionäre Organisation 17. November« über ein einigermaßen umfangreiches Arsenal von Bazookas und Raketen, die häufig zum Einsatz kamen. Allerdings: keineswegs »gegen alles und jeden«, – sondern durchaus aus strategischen politischen Überlegungen. Das Dach des Hauses von Karl-Heinz Kuhna war nicht aus bloßer Zerstörungswut zum Ziel der Stadtguerilla geworden, sondern weil der deutsche Imperialismus zeitgleich in Jugoslawien viele Tausende Dächer mit weit weniger Rücksicht auf die darunter befindlichen Menschen zerbombte.

Zum Krieg der herrschenden Klassen gegen sozialistische Guerillagruppen, wie der »17. November« eine war, gehört die medial inszenierte Diffamierung und Entpolitisierung der bewaffneten Aktionen. Wild gewordene Gewalttäter, die »alles und jeden« umbringen wollen, »Terroristen« und »Mörder« – so sollen die Militanten dem gesellschaftlichen Bewusstsein in Erinnerung bleiben. Gegen diese Herrschaftspropaganda auch nach der militärischen Niederlage anzuschreiben, sich grade zu machen und für die Politik seiner Organisation einzustehen ist deshalb ein Kraftakt, der dem Leben in der Illegalität um nichts nachsteht.

Dimitris Koufontinas, eines der führenden Mitglieder des »17. November«, hat seine seit über 15 Jahren andauernde Haftzeit genutzt, um diesen Kampf um die Deutungshoheit zu führen. Sein Buch »Geboren am 17. November« ist das Resultat dieser Bemühungen und seit dem 6. Dezember auf dem deutschen Buchmarkt erhältlich.

Die autobiographische Geschichte, die Koufontinas erzählt, beginnt mit seiner Politisierung nach dem Volksaufstand gegen die von den USA und Großbritannien gestützte Militärjunta am 17. November 1973. »Im Alter von 15 Jahren kam ich politisch auf die Welt: im Feuer des Polytechnikums, in diesen drei endlosen Tagen und Nächten. Diese revolutionäre Flamme brannte sich in meine Seele ein«, erinnert sich der Studienabbrecher aus proletarischem Elternhaus. Es wird dieses Feuer bleiben, das ihn durch Straßenkämpfe und Studienzirkel in den bewaffneten Kampf führt, dessen historische Kontinuität in Griechenland seit den Zeiten des Partisanenkriegs gegen die Nazibesatzer nie ganz abgebrochen ist.

Die Praxis, die die »Revolutionäre Organisation 17. November« dabei entfaltete und die ihren Höhepunkt im knappen Jahrzehnt von 1983 bis 1992 erreichte, richtete sich vor allem gegen vier Gruppen: Täter aus den Zeiten der Militärdiktatur; hochrangige Funktionäre des britischen, deutschen oder US-Imperialismus; und Vertreter der heimischen, griechischen »Lumpenbourgeoisie«.

Militärisch war »17N« dabei durchaus erfolgreich: Die Guerilleros töteten hochrangige CIA-Agenten, einen britischen und einen US-amerikanischen Militärattaché, griffen zahlreiche griechische Industrielle, deutsche Behörden- und Konzernvertreter an. Über 100 Anschläge zählt die bürgerliche Geschichtsschreibung, wahrscheinlich waren es – die zur »Übung« durchgeführten kleineren Aktionen gegen Luxusautos eingerechnet – deutlich mehr. Unbeteiligte kamen dabei nur in einem Fall zu Schaden; darauf achtete die Gruppe selbst da, wo es eine Gefahr für ihre Aktivisten bedeutete.

Auch das hat sicherlich dazu beigetragen, dass »17N« in der griechischen Gesellschaft keineswegs so verhasst war, wie die Herrschenden und ihre Artikelschreiber das gerne hätten. Die Aktionen konnten durchaus auf die Sympathie vieler Menschen aus den Unterschichten zählen.

Dass der »17. November« dennoch scheiterte, hatte nicht allein »objektive« Gründe. Es lag auch an der ungelösten Dynamik der Ablösung einer sich als »politisch-militärisch« begreifenden Kraft von den Massenkämpfen. Die Guerilla wurde immer »professioneller«, bis sie unterging. Man habe sich immer als »eine Organisation der bewaffneten Propaganda mit der Perspektive des ›bewaffneten Volkes‹« gesehen, schreibt Koufontinas. Doch letztlich »fehlte die strategisch geplante, geduldige und langfristige politische Arbeit in den Massen«, so die Selbstkritik des immer noch inhaftierten Aktivisten.

Gerade weil Koufontinas in der Lage ist, eigene Fehler einzusehen, musste er nie mit seinen Überzeugungen brechen. »Geboren am 17. November« ist deshalb lesenswert: Vor allem für diejenigen, die die »Kontinuität der revolutionären Tradition« auch heute noch weitertragen wollen. »Bei ihrer Suche wird ihnen alles von Nutzen sein, was wir richtig, aber auch falsch gemacht haben, sie werden alle Ergebnisse der Kämpfe vergangener Generationen benötigen«, schreibt Koufontinas.

Dass er als Person für diese Kontinuität steht, das bescheinigt ihm niemand glaubwürdiger als der ­fortdauernde Hass der Herrschenden. Als dem Langzeitgefangenen ­Anfang November 2018 ein ­48stündiger ­Freigang gewährt wurde, meldeten sich kurz nacheinander Heather ­Nauert, Sprecherin des ­US-Außenministeriums und designierte UN-Botschafterin, der US-Gesandte in Griechenland, Geoffrey Pyatt, und seine britische Diplomatenkollegin Kate Smith zu Wort. »Terroristen sollten keinen Urlaub aus dem Gefängnis bekommen«, mahnte Nauert. Bessere Empfehlungsschreiben für ein revolutionäres Buch und seinen Autor kann man nicht erwarten.



Rezensiert von: Peter Schaber
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