Vom Töten der eigenen Leute und der anderen Feinde

Falsches Rot, Katalog zur Ausstellung von 24.10.18 bis 31.01.19, Literaturhaus Stuttgart



William Andrews schreibt über Die Japanische Rote Armee Fraktion

Im vergangenen Jahr lebte ich drei Monate in Japan und staunte, wie zart die Menschen dort sind — und fragte mich, wie das zusammen gehen könnte mit dem Ruf des kriegführenden, imperialistischen Japan, der noch nicht verhallt sein kann. Die Verwirrung setzt sich fort, lese ich Die Japanische Rote Armee Fraktion von William Andrews, denn die japanischen RAF-Varianten trugen autoritär-destruktives Gift in hoher Dosierung in sich, sie attackierten damit nicht zuletzt die eigenen Genossen.

Was um die Jahreswende 1971/72 in einer abgelegenen Hütte in den Bergen geschah, ist unfassbar: Die VRA zerfleischte sich selbst, Selbstkritikrituale arteten hysterisch aus, eine Gruppendynamik setzte ein, die über Wochen vom Schlimmsten zum Entsetzlichsten führte. Schließlich war etwa die Hälfte der Teilnehmenden tot, zwölf Menschen, die teilweise gefoltert wurden, im Freien angebunden, um dort zu verhungern oder zu erfrieren. Man schaue sich hierzu Kōji Wakamatusus mehrstündigen Film United Red Army an, der selbst dem Umfeld nahestand. Besonders markant: wie eine führende Genossin dazu gebracht wurde, sich ins Gesicht zu schlagen, so lange, bis es entstellt war. Ihre Untat: sie trug einen einfachen Ring als Schmuck.

Schon vorher wurden zwei junge Aussteiger der revolutionären Linken stranguliert; bei Auseinandersetzungen rivalisierender Gruppen gab es zahlreiche Tote, es kam hierbei auch zu demonstrativen Vergewaltigungen, auch zwischen Führenden der japanischen RAF spielte eine Vergewaltigung eine Rolle und krasser Sexismus scheint alltäglich gewesen zu sein. In ihren Anfängen trat die japanische RAF bei Demonstrationen militärisch auf und übernahm laut Andrews Hierarchien der traditionellen Gesellschaft: die Kader aus den Elite-Unis hatten Vorrang. Das alles ist verstörend.

Das in deutschsprachiger Ausgabe leider mit sprachlichen Unsauberkeiten nicht geizende bildlose Buch in einem Verlag mit linkem Selbstverständnis will erste Einblicke geben, was auch gelingt; ein umfassendes Verstehen setzt nicht sofort ein, wie sollte es auch. Eine Besonderheit der japanischen RAF bringt wiederum die nächste Phase mit sich, die sich vorwiegend außerhalb des eigenen Landes abspielt: Militante verließen mehr und mehr Japan und nahmen von arabischen Ländern aus mit internationalistischem Anspruch an Terrorkommandos teil, insbesondere an Flugzeugentführungen, in enger Kooperation mit der PFLP, sie nannten sich nun „Japanische Rote Armee“ und hatten auch ihren Star — Fusako Shigenobu, eine Frau mit starker Ausstrahlung, um die sich wilde Gerüchte voller Männerphantasien rankten, sie fungierte als medienwirksame Sprecherin und „Visionärin“, war aber wohl nie an Kommandoaktionen beteiligt. Sie kommt auch vor in einem Propagandafilm, den Wakamatsu zusammen mit Masao Adachi 1971 aufnahm: Nach ihrem Beitrag in Cannes, wo sie Erotikfilme zeigten, machten sie einen Zwischenstop in Beirut, um palästinensische „Freiheitskämpfer“ zu glorifizieren, mit ruhigen Landschaftsaufnahmen, war es doch das ästhetisch-agitatorische Anliegen von Adachi, nicht eine Situation in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Landschaft, das, was die Personen sehen, was sie formt. Adachi gehörte zur Gruppe.

Das Massaker am Flughafen Lod durch drei japanische Aktivisten als Rache für eine gescheiterte Flugzeugentführung des Schwarzen September, bei dem durch israelische Einheiten alle Entführer getötet worden waren, war einer ihrer blutigsten Beiträge, auch wenn strittig sein mag, ob alle Toten ihnen vollumfänglich anzulasten sind. Während sich die deutsche Regierung auf nichts einließ, entschied sich die japanische anders, sie ließ sich durch Entführungen dazu bringen, Gefangene frei zu geben oder hohe Lösegeldsummen zur Verfügung zu stellen.

Die Beschäftigung mit den Grundzügen des japanischen Linksterrorismus ist hilfreich, will man besser verstehen, was in Deutschland geschah, denn dadurch wird noch deutlicher, dass es eine weltweite Strömung gab, aus der heraus auch eine Sabotageaktion an einer Ölraffinerie von Shell in Singapur kam, oder eine Geiselnahme zur Freipressung von Genossen in Kuala Lumpur. Der Kern ihrer Relevanz: die von der arabischen Welt unterstützten Palästinenser und ihr Krieg gegen Israel, das Land der Juden nach dem Holocaust. Die Untaten der Vätergeneration korrespondieren unterschwellig mit denen ihrer Söhne und Töchter, die so heftig gegen sie aufbegehrten.



Rezensiert von: Dieter M. Gräf
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