Aufgeblättert - Nanni Balestrini

ak - analyse & kritik - Zeitung für linke Debatte und Praxis - Nr. 616, 24.05.2016



Nanni Balestrini In seinem jüngsten, auf Deutsch bei einem anarchistischen Kollektivverlag aus Wien erschienenen (Kurz-)Roman lässt Nanni Balestrini einen italienischen Kommunisten der Nachkriegszeit aus seinem Leben und von seinen Kämpfen erzählen. Der anonym bleibende Protagonist blickt zurück auf die Resistenza, seine Haft in einem norddeutschen Konzentrationslager, harte Streiks in den sardischen Kohlebergwerken von Carbonia sowie militante Auseinandersetzungen um günstigen Wohnraum. 2013 in Italien erschienen, stammt der der Ausgabe zugrunde liegende Text bereits aus den 1970er Jahren. Mit »Carbonia« erweist Balestrini sich einmal mehr als literarischer Chronist der Neuen Linken in Italien. Wie auch in anderen Romanen wie »Die Unsichtbaren« verzichtet er dabei auf jede Interpunktion im Text. Auch gibt es weder Dialoge noch Kommentare zum Bericht des stets mit den Verhältnissen unversöhnlichen Protagonisten. Nach anfänglicher Irritation erzeugt dieser Schreibstil eine besondere Wirkung. Es entsteht der Eindruck, dass diese Geschichte ganz unmittelbar und direkt der Leser_in erzählt wird. Der Roman ist letztlich ein Bericht über ein proletarisches Leben im Widerstand und jene Möglichkeiten, die nur aus kollektivem Handeln entstehen können. Was bleibt ist die Frage, ob es sich bei Balestrinis klassenkämpferischen Protagonisten nicht um eine längst historische gewordene Figur handelt und wie eine vergleichbar militante Biographie in der Gegenwart aussehen würde.

Rezensiert von: Markus Baumgartner
Link: www.akweb.de/ak_s/ak616/03.htm