Demokratie im Krieg?

P.S., Buchbeilage Nr. 34/18, 5. Oktober 2018



Zwar möchte dieses Bändchen kein Nachruf sein, sondern einen Versuch kurdischer Selbstbestimmung würdigen. Doch schon die Vorgeschichte weist auf sehr schwierige Rahmenbedingungen hin und in den letzten Kapiteln dominieren triste Kriegsberichte.

Gelesen habe ich die Schrift, als Kämpfe um Idlib unsere Nachrichten beherrschten. Erdogan warnte vor einem Blutbad, neuen Flüchtlingswellen. Afrin und die Menschen, die dort im Frühjahr bei der türkischen Offensive zu Zehntausenden aus der kurdisch geprägten Stadt flohen, waren schon nicht mehr Tagesthemen. Trotzdem soll «kein melancholischer Abgesang » sein, was Schmidinger vorlegt. Die letzten Seiten drehen sich um die Fortsetzung des Ringens. Ganz aufgegeben werde der «Berg der Kurden» sicher nicht. In diesem Teil von Nordsyrien entstehe jetzt «für Jahrzehnte ein neuer Konfliktherd». Denn was wäre die Alternative zum Widerstand und zum Versuch der Vertriebenen, ihr Gebiet zurückzugewinnen? Weiterfliehen nach Europa?

Ausgenutzt, vertrieben

Der in Wien mit Kulturund Sozialanthropologie befasste Wissenschaftler, der mehrere Publikationen zur prekären Situation der Kurden mit herausgab, kennt die Hintergründe des aktuellen Konflikts fast zu gut. Von seinen detaillierten Angaben über Bevölkerung und Sprache, Religionsgemeinschaften, allgemeine Geschichte bleibt als Eindruck: Da entwickelte sich auf engstem Raum enorme Vielfalt und entsprechend komplex sind die gewachsenen Strukturen. Die fruchtbaren Ebenen in gebirgiger Umgebung boten stets Anreize für Eroberungen sowie Rückzugsgebiete. Zudem wurden Kurden immer wieder instrumentalisiert. Sie waren willkommen als militante Partner gegen den IS, wurden aber gleichzeitig als Minderheiten mit Autonomieansprüchen von den autoritären Regimes rundum gehasst. Geradezu unheimlich mutet in diesem Umfeld die politische Zersplitterung an. Dass das regional dominierende linke Bündnis sich vor fünf Jahren zu einem basisdemokratischen Versuch mit relativ offenen Räten entschloss, fand weitherum Beachtung. «Von 2012 bis 2018 stellte Afrin unter dieser Verwaltung eine der sichersten Regionen Syriens dar», bilanziert Schmidinger, der dort längere Zeit mit einem Forschungsauftrag befasst war. Aber die praktischen Beispiele lokaler Selbstverwaltung im Buch sind spärlich, bleiben blass. Was im Vorwort anklingt, wird später eher zwischen den Zeilen bestätigt: «Die Hoffnungen der einfachen Menschen waren nicht immer so hochtrabend wie jene der politischen Funktionäre. Viele wünschten sich einfach ein friedliches Leben mit den arabischen und türkischen Nachbarn.» Deutlicher schlägt sich im Text die Wut darüber nieder, dass der Krieg dem Experiment keine Chance liess, den Menschen im Zuge einer «Arabisierungspolitik » gar der Ort zum Leben genommen wird. Demokratie im Krieg? Wohl immer und überall eine vergebliche Hoffnung. Selbst im Bildteil setzen Waffen die stärksten Akzente.



Rezensiert von: Hans Steiger
Link: www.pszeitung.ch/