Wo ist Valter?

junge welt, 1. 10. 2018



Bahoe-Books-Verlag in Wien übersetzt legendären jugoslawischen Partisanencomic aus den 70ern.

Eine Anhöhe über Sarajevo, Ende des Zweiten Weltkrieges: Die Blicke des SS-Standartenführers von Dietrich und seines Nazikollegen schweifen über die bosnische Stadt, in der sich irgendwo der Partisan und Spion »Valter« versteckt. Aber wer verbirgt sich hinter dem Kampfnamen? »Sehen Sie diese Stadt?« sagt der SS-Standartenführer. »Das ist Valter!«

Der Film »Valter brani Sarajevo« (Walter verteidigt Sarajevo) aus dem Jahr 1972 – der DEFA-Titel lautete »Einer ist Sarajewo« – »war ein Eckpfeiler der jugoslawischen Populärkultur«, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung 2004 schrieb, »noch heute kennt zwischen Slowenien und Mazedonien wohl jeder, der Titos Jugoslawien bewusst erlebt hat, diesen Film«.

Die Partisanenarmee von Josip Broz Tito hatte die einzige erfolgreiche, selbständige und antifaschistische Revolution während des Weltkriegs in Europa verwirklicht, und Jugoslawien wurde auf dem Mythos des Partisanen gegründet. Vermittelt wurde dieser unter anderem durch die Denkmäler an den Orten ihrer großen Schlachten oder auch durch die bunte jugoslawischen Popkultur, beispielsweise eben Spielfilme, die teilweise das Niveau von Hollywoodproduktionen hatten. Einige der Filme entstanden sogar in Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen Traumfabrik, so der Spielfilm »Sutjeska« (1973) mit Richard Burton als Tito oder das Kriegsepos »Die Schlacht an der Neretva« (1969).

Die Geschichte des Spions und Partisanen Wladimir »Valter« Peric wurde in den 1970er Jahren in über 60 Ländern gezeigt und war vor allem in der Volksrepublik China ein großer Erfolg. Der Film soll an die Tradition der damals populären Ritterfilme in China angeknüpft haben, die während der Kulturrevolution verboten gewesen waren. Als Velimir »Bata« Zivojinovic, der den Valter spielte, die Volksrepublik besuchte, wurde er am Flughafen von über einer Million Menschen empfangen. Das berichtet die Einleitung zur deutschen Übersetzung der Graphic Novel »Valter verteidigt Sarajevo«, die seit diesem Jahr beim anarchistischen Bahoe-Books-Verlag aus Wien erhältlich ist.

Der 1945 geborene Zeichner und Autor Ahmet Muminovic hatte in den 1970er Jahren sechs schwarzweiße Comicepisoden veröffentlicht, die zum Teil detailgetreu an die Filmszenen angelehnt sind. Es waren die auflagenstärksten Comics in Jugoslawien, und auch in China sollen über acht Millionen von ihnen verkauft worden sein. Erst 2014 wurden sie in Bosnien zusammen in einem Band veröffentlicht.

Aber es gibt trotz der Ähnlichkeiten auch Unterschiede zwischen Film und Comic. Der Film erzählt die Geschichte chronologisch, beginnt mit einer Szene in einem Bunker im faschistischen Deutschland 1944, in der die »Operation Laufer« beschlossen wird, die den Rückzug der deutschen Truppen vom Balkan abwickeln soll. Er schließt mit der Versetzung des SS-Standartenführers von Dietrich aus Sarajevo, dem es nicht gelungen war, den Spion Valter kaltzustellen.

Der Comic konzentriert sich sehr viel stärker auf die Titelfigur, die mit waghalsigen Sabotageaktionen und Schlauheit den deutschen Besatzern zusetzt. Das führt auch dazu, dass im Film den solidarischen Bewohnern Sarajevos, ohne die Valters Widerstandskampf gar nicht möglich wäre, eine sehr viel größere Bedeutung zukommt. Die eingangs beschriebene Schlussszene des Films setzte dieser Verschworenheit des Widerstands ein Denkmal.



Rezensiert von: Felix Clay
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