Subtile Kontrolle

junge welt, 17. 9. 2018



Renato Curcio legt das Destruktivpotential moderner Technik bloß

Es stehen große Veränderungen in der kapitalistischen Produktionsweise bevor, für die Bezeichnungen wie »vierte industrielle Revolution« oder »Industrie 4.0« im Umlauf sind. Die diesbezüglichen Debatten kreisen vor allem um den Begriff der Digitalisierung und, wo es sich um linke Diskurse handelt, auch um Medien- und Technologiekritik. Ein wichtiger kritischer Beitrag ist das Buch von Renato Curcio, das vom Wiener Verlag Bahoe Books aus dem Italienischen übersetzt wurde.

Curcio beschreibt die Kontrollmechanismen, die aus der Anwendung digitaler Technologien hervorgehen, als so weitgehend, dass er sie als eine Form der Kolonisierung begreift. Diese Kolonisierung sei heute vor allem eine innere, betreffe die Seele und die Phantasie der Menschen, ihre Wertvorstellungen, Emotionen und Gedanken. Curcio demonstriert etwa den Verlust an Phantasie mittels der Unterscheidung von eigener Vorstellung und medialer Darstellung, die alle zwischenmenschlichen Bereiche forme und durchdringe. Er erläutert die Prozesse, belegt sie mit konkreten Beispielen aus dem Alltag und stellt sie in ihren Folgewirkungen dar.

Wirkte in früheren Zeiten Zensur durch die Sichtbarkeit von Herrschaft, so sind diese Mechanismen heute durch weitgehende Bewusstlosigkeit der Beherrschten gekennzeichnet. Die Menschen sollen nicht zum Schweigen gebracht werden, sondern möglichst viel kommunizieren und von sich preisgeben. Zugleich setzt die Kolonisierung nicht mehr auf die Passivität, sondern auf die Aktivität der Kolonisierten, sie ist ein Vorgang, den die Menschen freiwillig vollziehen. Diese neuen Formen der Unterwerfung, der Hinnahme wie der aktiven Mitarbeit an der eigenen Ausforschung, führt der Autor auf eine Freiheitsillusion zurück. Denn es sei von Anfang an ein Mythos gewesen, dass durch die neuen Formen der Kommunikation alles transparent werde. Vielmehr gehe es um die Durchsetzung politisch-strategischer Interessen, um Kontrolle und ökonomische Verwertung. Staaten, die Interesse an strategischer Massenüberwachung haben (Informationen sammeln, speichern und bei Bedarf auswerten), und große Konzerne, die Datenextraktion, Kommodifizierung und Verwertung betreiben, sind die Akteure und Profiteure. Dabei geht der Autor auch kurz darauf ein, wie in sozialen Medien, die durch kostenlose Angebote locken, Mehrwert erzeugt wird, und zwar nicht primär durch deren Angestellte, sondern durch unbezahlte Arbeit der Nutzerinnen und Nutzer.

Soziale Kontrolle wirkt durch Technik subtiler und versteckter und findet heute auf individueller Basis statt; das bedeutet Möglichkeiten maßgeschneiderter Manipulation. Auch wird jegliches digitale Handeln berechenbar und rückverfolgbar. Durch die Profil­erstellung werden die Menschen eingeteilt und bewertet. Dabei findet ein permanentes Messen, Vergleichen, Überprüfen und Klassifizieren statt. So verstärken sich Konkurrenz und allgemeine Anpassungsprozesse. Gebrauchswertversprechen und Ästhetik schaffen eine Verheißung für die Konsumenten (zum Beipiel immer neue Modelle eines Smartphones), während von den Produktionsbedingungen abgelenkt wird. Dabei geht es um immer raschere Verwertung durch die Verringerung der Umschlagszeiten (etwa durch Obsoleszenz, also Produktion auf Verschleiß). Von Satelliten über Sensoren bis hin zu Mikrochips verweist Curcio auf das Überwachungspotential neuer Technologien. Dabei streift er kurz die neuen Arbeitsverhältnisse des sogenannten Plattformkapitalismus und zeigt auch deren alltägliche und entwürdigende Auswirkungen für die Betroffenen auf, zum Beipiel die direkte Konkurrenz mit Robotern.

Ein besonderes Kapitel ist das zum Thema virtuelle Realität, das zeigt, wie die kognitiven Fähigkeiten der Menschen durch die permanente Verfügbarkeit von Technologien, an die Aufgaben delegiert werden, abnehmen. Insbesondere unser Gedächtnis und unsere Affektivität seien davon betroffen. Curcio konstatiert auch eine Abwendung der Menschen voneinander, eine weiter zunehmende Tendenz zur Vereinzelung: »warme«, soziale Beziehungen weichen »kalten«, technischen Verbindungen. Neue Medien, die körperlos funktionieren, tragen zur Vereinsamung bei: Obwohl vielleicht nie soviel Kommunikation war wie heute, wurde doch noch nie sowenig gesagt.

Schließlich kommt auch die Gegenbewegung zur Sprache. Dieser Abschnitt fällt leider etwas kurz aus. Curcio ist der Meinung, dass innerhalb gegebener Zwänge, denen wir ausgeliefert sind, jeder einen Entscheidungs- und Handlungsspielraum hat, um die aufgezeigten Prozesse entweder abzuschwächen oder zu verstärken. Daraus folgt, dass wir aufhören müssen, das System in unserem Alltag zu reproduzieren, und Bewusstsein über dessen grundlegende Mechanismen erlangen müssen. Deshalb ist ein Buch wie dieses wichtig.

Der Autor führt vor Augen, welche Destruktivpotentiale dem virtuellen Reich innewohnen und welchen Interessen es dient, wie es Menschen individuell und sozial verändert, wie es in unseren Alltag eindringt und diesen zunehmend bestimmt. Vor allem zeigt er auch, wie das System uns dabei zu Mittätern macht. Dieses Wissen und eine Diskussion darüber gehören in eine breite Öffentlichkeit. Die Frage, was wir jenseits von individueller Verweigerung dagegen unternehmen können und wie das emanzipatorische Potential von Technik in einer anderen Produktionsweise aussehen könnte, bleibt im Anschluss daran zu diskutieren.



Rezensiert von: Paul Weiler
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