Grausames Scheitern

iz3w, Nr. 368, 12. 9. 2018



Nach 1968 spaltete sich die japanische Studierendenbewegung in zahlreiche konkurrierende Gruppen. Über die bekannteste und umstrittenste Gruppierung ist nun ein schmales Buch erschienen: Die japanische Rote Armee Fraktion von William Andrews.

»1968« war nach den Revolutionen und Revolutionsversuchen von 1917 bis 1923 der weltweit zweite gleichzeitig ablaufende Ansatz, das kapitalistische Weltsystem zu stürzen. Von der Berkeley University in Kalifornien über den Prager Wenzelsplatz bis zum Ho-Chi-Minh-Pfad in Vietnam schien eine innere Verbindung der Kämpfe und der Kämpfenden zu bestehen.

Eines der Zentren der globalen 68er-Bewegung war Japan. Bereits seit 1948 bestand mit dem Alljapanischen Allgemeinen Verband der studentischen Selbstverwaltungen (Zengakuren) eine linksradikale Dachorganisation für Studierende. Diese Gruppierung stand in Opposition zur Kommunistischen Partei Japans und kann als Teil der weltweiten Neuen Linken charakterisiert werden. Sie unterhielt Kontakte etwa zu den amerikanischen Students for a Democratic Society, der Black Panther Party oder dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund.

Die Zengakuren wurden in den Auseinandersetzungen der 1960er Jahre zur Speerspitze des Protestes und zum weltweiten Vorbild. Ihre charakteristische Demonstrationsausrüstung mit BauarbeiterInnenhelmen, Mundschutz und dicken Holzknüppeln wurde auf den Straßen von Paris, Berlin und Los Angeles kopiert. Die Themen der Bewegung waren, ähnlich wie anderswo in der Welt, der Vietnamkrieg und die Demokratisierung der Hochschule. Eine besondere Rolle spielte der Protest gegen die Stationierung US-amerikanischer Truppen in Japan.

Nach dem Höhepunkt der sehr militant geführten Auseinandersetzungen des Jahres 1968 spaltete sich die japanische Studierendenbewegung in zahlreiche konkurrierende und sich zum Teil brutal bekämpfende Gruppen. Über die bekannteste und umstrittenste Gruppierung aus diesem Ausdifferenzierungsprozess ist nun ein schmales Buch erschienen: Die japanische Rote Armee Fraktion des britischen Autors und Übersetzers William Andrews.

Andrews beschreibt darin die Entwicklung der japanischen RAF und die aus ihr hervorgehenden Gruppen Vereinigte Rote Armee und Japanische Rote Armee. Die GründerInnen der RAF waren wie viele RevolutionärInnen in allen Teilen der Welt der Meinung, dass sich die globale Situation nach 1968 bereits inmitten einer Phase der revolutionären Umgestaltung befände. Die angestrebte Transition sollte durch militante Aktionen einer kämpfenden Avantgarde-Organisation in den Beginn des bewaffneten Aufstandes transformiert werden.

Die japanische RAF konnte zu Zeiten ihrer Gründung schätzungsweise auf bis zu tausend AktivistInnen zurückgreifen. Nach ersten Anschlägen vor allem auf Einrichtungen der Polizei wurde die Gruppe aber durch unzählige Festnahmen schnell dezimiert. Auch der Gründer der RAF, Takaya Shiomi, wurde inhaftiert. Die weiterhin aktiven Militanten der Gruppe reagierten daraufhin mit einer Steigerung der Gewalt. Dies mündete unter anderem in eine dilettantisch verlaufene Flugzeugentführung nach Nordkorea, obwohl ursprünglich geplant war, nach Kuba zu fliegen und sich dort im Guerillakampf ausbilden zu lassen.

Im Juli 1971 vereinigte sich die RAF dann während einer öffentlichen Saalveranstaltung in Tokio mit der Revolutionären Linken zur Vereinigten Roten Armee (VRA). Diese Fusion war ein in der japanischen Linken zu dieser Zeit ungewöhnliches Ereignis, da diese sonst eher durch Spaltungen und brutale Fraktionskämpfe mit dutzenden Toten auffiel. Doch sollte die VRA kurz darauf mit der grausamsten Aktion der gesamten Bewegung in Erscheinung treten, als sich etwa zwei Dutzend RAFler zum militärischen Training in eine Hütte in die japanischen Alpen zurückzog und dabei zwölf Mitglieder zum Teil grausam zu Tode folterte. Anlass für die Morde waren Vorwürfe bürgerlichen Verhaltens der Einzelnen. Dieses Ereignis schockierte die gesamte japanische Linke und diskreditiert sie bis heute.

Neben der VRA war zwischenzeitlich die Japanische Rote Armee (JRA) aus einer Abspaltung der RAF entstanden, die ähnlich wie der internationalistische Flügel der deutschen Revolutionären Zellen (RZ) nur im Ausland agierte. Und ähnlich wie die RZ hatte auch die JRA ihren Schwerpunkt im Mittleren Osten, wo sie vor allem mit der palästinensischen Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) zusammenarbeitete. Im Mai 1972 verübte sie einen verheerenden Anschlag auf dem Flughafen von Tel Aviv, der als erster Selbstmordanschlag der Geschichte gilt (siehe iz3w 358). Andrews zeigt allerdings, dass diese Sichtweise nicht unumstritten ist und es sowohl Indizien für einen als auch gegen einen gezielten Selbstmordanschlag der drei AttentäterInnen gibt.

Insgesamt ist die Darstellung der japanischen Roten Armee Fraktion und ihrer Nachfolgegruppen im Buch zwar materialreich, der Autor scheut aber vor eigenen Bewertungen meist zurück. Er geht auf den Sexismus oder den antizionistisch verbrämten Antisemitismus der Gruppierungen ein, überlässt die Kritik daran jedoch der Sekundärliteratur. Das ist schade, denn eine deutlichere Verurteilung der Exzesse der RAF wäre angebracht. Die Frage, wie es möglich sein kann, dass aus einer Bewegung, die für die Befreiung der Menschheit eintritt, innerhalb kurzer Zeit das glatte Gegenteil entstehen kann, wird nicht beantwortet.

Dazu wäre es nötig gewesen, näher auf die programmatische Basis der RAF einzugehen, was aber leider vernachlässigt wird. Somit kann Andrews Buch nur der Beginn einer notwendigen kritischen Auseinandersetzung mit diesem Teil der globalen Protestbewegung von 1968 sein. Denn erst die Kritik an den Verbrechen, Fehlern und Halbheiten der früheren Revolutionsversuche eröffnet die Chance auf einen neuerlichen, diesmal vielleicht erfolgreichen Anlauf.



Rezensiert von: Jens Benicke
Link: www.iz3w.org/zeitschrift/ausgaben/368_biooekonomie/andrews