Comic über die vergessenen Partisanen vom Ausseerland

Der Standard, 22.7.2018



In "Die Schönheit der Verweigerung" zeichnet Thomas Fatzinek den Widerstandskampf im Salzkammergut nach.

Im ach so schönen Salzkammergut herrschte immer schon eine trügerische Idylle, wie man aus Thomas Bernhards Schimpftiraden weiß. Diese Doppelbödigkeit hat nicht wenig mit dem Nationalsozialismus zu tun, waren die schmucken Sommerfrischeoasen zwischen Bergmassiven mit Namen wie Höllen- und Totes Gebirge doch ideale Orte, um sich still und heimlich aus der Schusslinie zu nehmen.

Nazi-Bonzen wie Joseph Goebbels und Ernst Kaltenbrunner, als Leiter des Reichssicherheitshauptamtes einer der Hauptkriegsverbrecher, hatten es sich längst in "arisierten" Villen im Ausseerland eingerichtet. Ab 1943 bunkerten die Nazis sämtliche Kunstschätze, die sie ergattern konnten, in den Stollen der Salzbergwerke Altaussee und Hallstatt. In der Endphase des Zweiten Weltkriegs flüchteten bedeutende NS-Funktionäre dann selbst in die angeblichen "Alpenfestung" – welche sich im übrigen als reine Propagandaschimäre herausstellen sollte.

Kampf gegen hochrangige Nazis

Soviel über die teils spektakulären Nazi-Geschichten, die sich im Salzkammergut abgespielt haben, bekannt ist (man denke nur an George Clooneys "Monuments Men") – so wenig ist der lokale Widerstand präsent, der sich der Gegend formiert hat. Der Wiener Comiczeichner Thomas Fatzinek, ein gebürtiger Linzer, dokumentiert in seinem jüngsten Band "Die Schönheit der Verweigerung" die Geschichten jener Frauen und Männer, die als Partisanen in den Bergen Widerstand gegen die Nazis leisteten.

Hauptprotagonist ist Sepp Plieseis, ein Bad Ischler, der im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte, und nach der Gefangennahme und Flucht aus dem KZ Dachau gemeinsam mit einer Handvoll Genossinnen und Genossen ein Untergrundnetzwerk organisierte, das von versteckten Stützpunkten in den Bergen aus operierte. Kurz vor Einmarsch der US-Truppen im Mai 1945 sorgten die Partisanen um Plieseis dafür, dass KZ-Wächter und hochrangige Nazis wie Kaltenbrunner nicht entkamen und verhinderten Sabotageakte wie die Sprengung des Altausseer Bergwerkes, in dem die Nazi-Raubkunst lagerte.

Das alles zeigt Fatzinek mit einfachen, manchmal geradezu kindlich anmutenden Zeichnungen, koloriert mit verwaschen-wässrigen Farben. Die episodisch gestalteten Geschichten erzählt er geradlinig, schonungslos, ohne viel Umschweife und ohne viele Worte. In biografischen Abrissen porträtiert er ein loses Geflecht an Kämpfern, Fluchthelfern und Unterstützern – und vor allem Unterstützerinnen, die das Rückgrat der Gruppe bildeten.

Wie etwa die Tabakarbeiterin Agnes Primocic: Sie marschierte in den letzten Kriegstagen in ihrer Rotkreuzuniform kurzerhand zum Lagerkommandanten des KZ Hallein und drohte ihm, dass er zur Verantwortung gezogen werde, sollte den den 17 politischen Gefangenen, die hingerichtet werden sollten, irgendetwas passieren – mit Erfolg. So berührend das ist – ein paar einordnende Informationen und ergänzenden Hintergrundwissen hätten dem Buch noch gut getan.

Comic-Aufarbeitung

Thomas Fatzinek hat sich auf die Aufarbeitung verdrängter historischer Begebenheiten in Comicform spezialisiert. "Die Schönheit der Verweigerung" ist der vierte Band, den er im linken Wiener Verlag Bahoe Books veröffentlicht hat. Davor erschien "Als die Nacht begann", das von den Februarkämpfen 1934 handelt, "Die Stärkeren", das die Geschichte des Widerstandskämpfers, Kommunisten und KZ-Häftlings Hermann Langbein zu einem tiefschwarzen Comic-Dokument verdichtet und "Schwere Zeiten", in dem er den Lebensweg der jüdischen Schauspielerin und Schriftstellerin Lili Grün nachzeichnet. Während die ersten beiden Bücher mit der Technik des Linolschnitts in harten Schwarz-Weiß-Bildern angefertigt sind, hat sich Fatzinek zuletzt auf klassische, kolorierte Zeichnungen verlegt.

In seinem jüngsten Projekt ist er aber wieder ganz in seinem (Stil-)Element. Großformatige Linolschnitte – ursprünglich ein stilistisches Mittel politischer Plakate – zieren seit einiger Zeit vier Litfaßsäulen am Mexikoplatz in Wien. Das Gedenkprojekt "Gekreuzte Geschichten. Mexikoplatz 1938 – 2018" erinnert daran, dass Mexiko das einzige Land war, das im März 1938 vor dem Völkerbund gegen den "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deutschland protestierte und später vielen Österreichern Asyl bot, als sie vor der NS-Verfolgung fliehen mussten.

Protest-Plakatkunst

In den plakatierten Kurzcomics zeigt Fatzinek einschneidende historische Protest-Ereignisse in Österreich und Mexiko und porträtiert Menschen an der Schnittstelle der beiden Länder, etwa die jüdische Kernphysikerin Marietta Blau, die nach ihrer Flucht vor den Nazis in Mexiko unterkam, oder den Schriftsteller Leo Katz, der im mexikanischen Exil eine lebendige deutschsprachige Kulturszene aufbaute, ebenso wie Gilberto Bosques, der so etwas sie der Oskar Schindler von Mexiko war.

Egal ob Ausseerland oder Mexiko, Fatzineks Comics bohren tief hinein in die schwarzen Löcher der Geschichte. Und das mit einer äußerst zurückgelehnten Haltung, von der man gerade in diesen Zeiten gern mehr sehen würde.



Rezensiert von: Karin Krichmayr
Link: derstandard.at/2000077098934/Comic-ueber-die-vergessenen-Partisanen-vom-Ausseerland