Über Leben auf beiden Seiten der Schusslinie

Falter, Nr. 34/18, 22. 8. 2018



Ein Reportage- und Bildband zeigt, wie die Menschen in der Ostukraine in einem vergessenen Krieg um ihr Überleben kämpfen.

Zum Beispiel Saizewe. 2014 begann der Krieg in der ostukrainischen Region Donbass, in dem das Dorf liegt; mit dem Minsker Abkommen im Februar 2015 kam die Front zu stehen. Sie entzweit nun Saizewe. Den ukrainischen Teil verwaltet der ehemalige Bürgermeister Wladimir Wesjolkin, den pro-russischen, separatistischen Teil die frühere Buchhalterin Irina Dikun. Die Schule ist zerstört, das Gemeindeamt zerschossen, die Bibliothek bekommt keine neuen Bücher mehr. Wesjolkin und Dikun kennen einander von früher. Heute sprechen sie nicht miteinander.

Als „Stellungskrieg“ bezeichnet Jutta Sommerbauer, Moskau-Korrespondentin der Presse, im Einleitungstext zum Foto- und Reportageband „Grauzone“ den Konflikt in der Ostukraine. Der Krieg führte zur Abspaltung der selbst erklärten, international nicht anerkannten Volksrepubliken von Donezk und Luhansk, die unter russischem Einfluss stehen. Im Gemeindeamt von Saizewe hängen zwei Porträts: eines vom Republiksanführer Alexander Sachartschenko und eines vom russischen Präsidenten Wladimir Putin. Dreieinhalb Millionen Menschen leben heute in diesen Gebieten.

Entlang der Frontlinie

Mit dem österreichischen Fotografen Florian Rainer bereiste Sommerbauer Orte entlang der Frontlinie: solche wie Saizewe, die nun geteilt sind. Oder Trudowskaja, ein heruntergekommenes Stadtviertel von Donezk im Separatistengebiet, in dem sich die 14-jährige Julia beklagt, es gäbe keine vernünftigen Burschen, und vorführt, was zu tun ist, wenn geschossen wird („Lauf nicht weg, sondern wirf dich auf den Boden, damit die Splitter über dich hinwegfliegen, schlag die Hände über den Kopf und reiß deinen Mund sperrangelweit auf“). Oder Awdiiwka auf der ukrainischen Seite: In der Bar „Black“ ist das Bier warm, weil der Strom für den Kühlschrank oft ausfällt. In „Grauzone“ erzählt Sommerbauer in kurzen Reportagen, Beobachtungen und Episoden vom Alltag in einer Gegend, in der die Unsicherheit eines ständig schwelenden Konflikts zur Normalität geworden ist: das Leben mit zerstörter Infrastruktur, stundenlangem Warten an Checkpoints, vertriebenen Familienmitgliedern. Die Sprache ist schnörkellos und unaufgeregt, auch beim Erzählen von tragischen Schicksalen bleiben die Beschreibungen ohne Pathos. Nahe gehen sie trotzdem.

Zwischen Checkpoint und Hip-Hop

Das Buch kombiniert Fotos und Text auf solch geschickte Weise, dass beim Durchblättern und Lesen tatsächlich das Gefühl entsteht, sich auf einer Reise durch das harsche, weitläufige Gebiet zu befinden. Oft überspannen die Fotos eine Doppelseite, viele vermitteln ein Gefühl der Verlassenheit – heruntergekommene Industrieanlagen, brennende Äcker und viele, viele zerstörte Häuser. Menschenansammlungen sieht man nur an den Checkpoints und im Hip-Hop-Club in Donezk.

Anfangs wird die aktuelle Lage in der Ostukraine grob umrissen; wer aber hofft, durch das Buch den komplexen, festgefahrenen Konflikt besser zu verstehen, der wird enttäuscht. Der Autorin und dem Fotografen geht es vor allem darum, die Auswirkungen sichtbar zu machen. Sie wollen jene Geschichten weiterverfolgen, die längst aus den internationalen Schlagzeilen verschwunden, aber noch nicht zu Ende sind. Öfter kommt es vor, dass man zwischen den Reportagen und der Landkarte am Anfang des Buches hin- und herblättert, bis man sicher weiß, auf welcher Seite des Konflikts sich die Menschen, über die erzählt wird, befinden. Auch das ist Absicht der Autoren. Denn auf beiden Seiten der Konfliktlinie sind sich die Menschen einig: Sie haben vom Krieg genug.



Rezensiert von: Anna Goldenberg
Link: www.falter.at/falter/rezensionen/buch/745/9783903022836/grauzone