Gerahmte Diskurse: Verdad

Ausstellungstext, 1.-3.7.2018



Verdad wurde 2018 von den Linken Buchtagen Berlin für die jährliche Comic-Ausstellung ausgewählt, der Ausstellungstext lautete:

Eine verletzte Kämpferin im Spanischen Bürgerkrieg wird von ihren Genoss*innen geborgen und in Sicherheit gebracht. Verdad ist nach einem Bombenanschlag, den sie auf einen Stützpunkt der Nationalisten verübt hat, bewusstlos, ein Arm muss amputiert werden. Aus ihrer unverletzten Hand segelt ein Foto zu Boden: Eine Gruppe lachender Menschen, darüber die Ortsangabe Monte Verità. In diesen wenigen Auf- taktbildern ist bereits alles enthalten, was die Zeichnerin Lorena Canottiere in ihrem Album »Verdad« entfalten wird: die politischen Konfliktlinien des 20. Jahrhunderts, der Glaube an einen revolutionären Umsturz und ein Ende des Faschismus, die Suche nach alternativen Lebensformen und die Bereitschaft, für all dies mit dem eigenen Leben zu bezahlen.

Monte Verità hieß eine 1900 gegründete libertäre Kommune in der Schweiz, wo Künstler*innen wie Hans Arp, Hugo Ball und Marianne Werefkin auf revolutionäre Denker*innen wie Ernst Bloch oder Erich Mühsam trafen, die dort nach dem neuen, freien Menschen suchten: »Sie predigten die freie Liebe. Und das Matriarchat. Es war ein Ort der Revolution«, bekommt Verdad von einem Kampfgenossen erklärt. Auch die Mutter der Protagonistin hatte es dort hingezogen, Verdad ist daher bei ihrer strengen Großmutter aufgewachsen, die für die Utopien ihrer Tochter nur Verachtung übrig hatte. Verdad jedoch ist nach wie vor fasziniert von der Suche ihrer Mutter nach diesem Leben frei von Zwängen und hat sich nicht zuletzt aus diesem Grund den Revo- lutionär*innen des Spanischen Bürgerkriegs angeschlossen.

In warmen Farben, skizzenhaften und doch detailreichen Zeichnungen, in denen sich das Leben der Kämpfer*innen im permanenten Kriegszustand und auf der Flucht ebenso spiegelt wie ihr Ideal einer solidarischen Gesellschaft, blickt Canottiere von der Gegenwart zurück auf die schwierige Kindheit Verdads, aber auch in die Zukunft, in der die überlebenden, besiegten republikanischen Kämpfer*innen des Bürger- kriegs die Flucht in den Untergrund oder das Exil wählen. »Ich habe ein Leben lang für eine Welt gekämpft, die keinen Platz für mich hat. Ich passe nicht ins Paradies, ich verdiene es nicht«, reflektiert Verdad resigniert und zieht sich in die Berge zurück. Als sie schließlich doch in Richtung Frankreich aufbricht, wird sie kurz vor der Grenze erschossen, im Sterben jedoch strömen Bilder aus Monte Verità in ihr erlöschendes Bewusstsein. Trotz der Niederlage in der Gegenwart ist die Suche nach einem Leben ohne Zwänge noch nicht beendet: »Weil ich nicht glauben kann, dass alles umsonst ist.«



Rezensiert von: Jonas Engelmann
Link: linkebuchtage.de/ausstellungen/